Frei.Wild in der Festhalle

Ein letztes Grölen vor der Stille

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Frankfurt - Mit einfach gestrickten Identitäts-Rockhymnen ist die umstrittene Südtiroler Band „Frei. Wild“ zum Massenphänomen geworden. Nun hat sie gleich zweimal hintereinander die Frankfurter Festhalle ausverkauft. Von Peter H. Müller 

Deutschrock oder Extremistenrock? Nazi- oder Narzissten-Rock? Jugendgefährdende Heimattümelei, radikaler Identitäts-Krach oder einfach nur viel heißer Rauch um Rechts? Wann und wo immer im abgelaufenen Jahr der Name „Frei.Wild“ aufgetaucht ist, hat es reflexartig deftige Diskussionen gehagelt. Fast untergegangen ist in diesem hektischen Diskurs, dass sich die vermeintliche Skandal-Combo aus Südtirol mal eben zu Deutschlands derzeit erfolgreichster Band hochgelärmt hat. In Frankfurt gab die Gruppe nun gleich zwei Konzerte, die weder linke Demonstranten noch „Thor Steinar“ oder „Landser“-Jünger mobilisierten - aber sehr wahrscheinlich selbst die Alpen noch wackeln lassen.

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Natürlich, man muss ein wenig ausholen, um das zu beschreiben, was sich da in der rappelvollen Festhalle über gut 200 fiebrige Minuten und brüllend pathetische Songs wie „Verdammte Welt“, „Das Land der Vollidioten“ oder „Sieger stehen da auf, wo Verlierer liegen bleiben“ so alles abspielt. Frei.Wild, die dauer-polarisierenden Helden um Frontsänger Philipp Burger, machen Station auf ihrer ironisch getauften „Ruhig, Laut, Still!“-Tour. Es sind die letzten epischen Live-Gigs, bevor die Brixener Mannen ein Sabbatjahr einlegen. Aber wohl nicht nur deshalb sind insgesamt 28.000 Fans Fans aus der ganzen Republik, der Schweiz und, Ehrensache, auch aus Südtirol zum Pogo-Tanz angereist.

Frei.Wild, das ist neben einer Prise Märtyrertum im Bandnamen längst auch eine Art trotziges Statement und vorsätzliches Wir-Bekenntnis, wenn nicht sogar Lebenseinstellung. Da grölt in Songs wie „Südtirol“ oder „Wer weniger schläft, ist länger wach“ die Sehnsucht nach Einfachheit, nach erzkonservativen Werten wie Zusammenhalt, Familie und Tradition mit glühender Heimatliebe um die Wette - wenn man so will, die konzertierte Rock-Rebellion gegen all das Moderne der Globalisierung. Das hat der Band für ihr „völkisches“ bis „ultranationalistisches Gedankengut“ eine wahre Empörungswelle beschert, sie aus dem Echo-Rennen bugsiert und das Image der „Böhse Onkelz“-Nachfolger verfestigt - trotz mantra-artiger Erklärungen, mit Skinheads, Neonazis und Springerstiefeln so gar nichts am Helm zu haben.

Im Unplugged-Block ihres Festhallen-Spektakels klingen die freundlichen, mit formidablen Streichern, Bläsern und Piano unterstützen Vier denn auch eher wie die Heavy-Akustik-Variante ihrer Landsmänner von den Kastelruther Spatzen: ein bisschen Ska, eine Prise Karawanken-Beat im Mitklatschtakt und kernig getextete Rock-Hymnen wie „Irgendwer steht dir zur Seite“ oder „Zeig große Eier und ihnen den Arsch“, in denen „Fips“ Burgers durch Mark und Bein gehende Stimme so manchen Schauer über den Rücken jagt. Die Stimmung: schon jetzt unfassbar: Schweinepogo da, ein Bengalo hier - kollektive Ekstase allüberall.

Dabei ist die brachiale zweite Halbzeit noch gar nicht eingeläutet: Mit eingestöpselten E-Gitarren, Flammenfontänen, grimmigem Gestus und der ewig Index-verdächtigen Protest-Parole „Wir reiten in den Untergang“ biegt das „Still“-Konzert nun in ein Massenspektakel, das selbst die ehrenwerte Festhalle so wohl nur ganz selten erlebt hat. Frontmann Burger lässt derweil keine Gelegenheit aus, die in der Tat unglaubliche Atmosphäre, die Fans und überhaupt alles - bis auf die vorsätzliche falsche Verortung seiner unpolitischen Combo - zu loben. Sein „Frrreunde“ klingt dabei zuweilen so heimtückisch wie das rollende „R“ im Song, der den Bandnamen feiert. Nur hört das kaum noch jemand.

Keine Frage, in all der restlos entgrenzten Begeisterung über die leicht konsumierbaren, schwerst botschaftenden Identitäts-Rockhymnen lässt so mancher Frei.Wild-Text einen Hautgout zurück. Aber „rassistische Hassprediger“? Einstiegsdroge für Rechtsradikale? „Völkische Ideologien“? Gute Güte, nein, vielleicht sollte man selbst im Land der historisch geprägten Tugendwächter mit derlei Gespenstern etwas entspannter umgehen - und sich eher fragen, warum Frei.Wild aus der „Echo“-Verleihung geworfen werden, während Bushido schon so viele überreicht wurden. Neben seinem - unfassbar - „Integrations-Bambi“.

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