Frisch und unverbraucht

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Max Raabe mit ironischem Seitenblick.

Über ganz unverfängliche Themen, aber auch über zwischenmenschliche Beziehungen will er an dem Abend singen. Das kündigt Max Raabe zu Beginn des ersten seiner beiden ausverkauften Konzerte bei den Burgfestspielen Dreieichenhain an. Von Holger Klemm

„Wie findet man sich, lernt sich kennen – und wie wird man ihn wieder los?“ In diesem ironischen Stil entfaltet sich ein Konzert, das die Besucher begeistert und die fast frühherbstlichen Temperaturen vergessen lässt.

Nach der Erfolgstournee „Heute Nacht oder nie“, die auch in die USA, nach Japan oder China führte, ist er nun mit seinem Palastorchester mit „Konzerte 2010“ unterwegs, einem Querschnitt aus mehr oder weniger bekannten Liedern, die fast ausnahmslos aus der Zeit der Weimarer Republik stammen. Die wenigen später entstandenen Kompositionen, die erklingen, sind US-amerikanischen Ursprungs. Und alle Titel wirken in der Interpretation und den Arrangements von Max Raabe und seinen zwölf Musikern alles andere als angestaubt, sondern so frisch, unverbraucht und witzig wie am ersten Tag.

Mit stoischer Ruhe und knochentrocken

Quasi als Reminiszenz an die erfolgreiche Tour ist zum Auftakt der Titel „Heute Nacht oder nie“ zu hören – über den Wunsch, dass es heute Abend endlich mit der Liebe funktionieren soll. Um die Zuneigung seines Publikums braucht sich Raabe da keine Gedanken zu machen, die ist schon nach wenigen Takten vorhanden.

Dabei hat es der Bariton mit seiner sonoren Stimme und dem rollenden R nicht nötig, sich anzubiedern. Im Gegenteil nimmt er sich sehr zurück. In stoischer Ruhe und knochentrocken, nur manchmal mit einem Augenaufschlag bietet der Sänger die Schlager, Foxtrotts, Paso Dobles oder Walzer sowie seine sarkastischen Zwischentexte („Mann und Frau sind höchst unterschiedliche Lebensformen“). Doch genau das ist sein Erfolgsrezept. Denn durch diese betonte Zurückhaltung entfalten sich erst Ironie, Witz und Hintersinn der einzelnen Titel und Moderationen.

Choreografie ein weiterer Pluspunkt des Abends

Trotz seiner herausragenden Stellung als Sänger spielt sich Raabe nicht in den Vordergrund. Er bietet seinen Musikern genügend Raum und zieht sich an den Flügel zurück, wenn seine Gesangsdarbietungen nicht gebraucht werden. Bei „Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt“ von Friedrich Hollaender werden vier Musiker sogar zum Backgroundchor, was einfach umwerfend komisch ist.

Überhaupt ist die Choreografie der einzelnen Nummern ein weiterer Pluspunkt des Abends. So spielen bei „Du bist nicht die Erste“ plötzlich alle Musiker Geige oder präsentieren bei „Dort tanzt Lu-Lu“ die Melodie mit einem Glöckchen.

Die perfekte Show wird nur einmal unterbrochen. Als es doch stärker anfängt zu tröpfeln, schiebt Raabe den Song „Unter dem Regenschirm“ ein. „Na bitte, es klappt doch“, ist sein knapper Kommentar, als es unmittelbar danach zu regnen aufhört.

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