Casellas Sinfonie

Funkkonzert in der Alten Oper

Frankfurt - Eine Sinfonie, die mehr als hundert Jahre nach ihrer Entstehung erstmals in Deutschland zu hören war, dazu ein Pianist, den die Justiz der ganz heutigen Türkei fragwürdigen Verunglimpfungs-Vorwürfen religiöser Werte aussetzt. Von Axel Zibulski

In der Frankfurter Alten Oper war Fazil Say als aktueller „Artist in Residence“ des hr-Sinfonieorchesters dessen Solist in Ludwig van Beethovens drittem Klavierkonzert Mit seinem erneuten Auftritt am Main dürfte der 43-jährige Fazil Say dazu beigetragen haben, dass in dem sehr gut besuchten Konzert auch die deutsche Erstaufführung von Alfredo Casellas Sinfonie Nr. 2 c-Moll auf ein großes Publikums-Echo stieß. Denn die 1910 in Paris uraufgeführte Sinfonie des Italieners Casella (1883-1947) war es wert.

Gewiss, mit ihrer ausladenden Form, mit ihren fünf Sätzen, die zuletzt in einen reichlich pathetischen Adagio-Epilog münden, folgt sie dem Geschmack ihrer Entstehungszeit, samt vereinzelten Anklängen an Casellas Zeitgenossen: Als grotesker Marsch der tiefen Streicher hebt etwa der vierte Satz so an, als ob es ein Stück von Gustav Mahler wäre. Und die gewaltige Orchesterbesetzung samt stolzen acht Schlagzeugern und Orgel mag an Richard Strauss erinnern.

Deutsche Erstaufführung

Unter der Leitung des Gastdirigenten Gianandrea Noseda, Musikdirektor im Theater von Casellas Geburtsstadt Turin, nahm sich das hr-Sinfonieorchester der deutschen Erstaufführung mit größter Sorgfalt, der nötigen Farbigkeit und, bei aller Klangopulenz, auch mit Transparenz sowie den nötigen aufreibenden Schärfen an.

Dabei wirkte Casellas knapp einstündige Sinfonie so wuchtig, tragisch, ernst und fatal, dass Beethovens in gleicher Tonart stehendes Klavierkonzert Nr. 3 c-Moll op. 37 zuvor fast filigran erschienen wäre – hätte es Pianist Fazil Say nicht mit extrem trockenem Anschlag und nervös-temporeichem Zugriff in seiner Fallhöhe verstärkt. Das wirkte gerade in Says eigenwilliger Kadenz im ersten Satz manchmal gekünstelt, im langsamen Mittelsatz dezidiert zu druckvoll und drängend, hatte im Zusammenhang mit der aufwühlenden Casella-Sinfonie aber dennoch kontextuell sinnvollen Charme. Das hr-Sinfonieorchester und Gastdirigent Gianandrea Noseda begleiteten Fazil Say so dezent, dass sie spüren ließen: Ihr großer, fulminanter Auftritt stand mit der Erstaufführung im zweiten Programmteil erst noch bevor.

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