Wie ein Fels in der Brandung

Frankfurt - Allein bei vier von fünf Programmpunkten spielte Gabriela Montero mit. Von Klaus Ackermann

Und hatte nach heftigem modernistischem Gewoge und dem Beethoven-Klavierkonzert Nr. 5, in diesem südamerikanisch akzentuierten Programm wie der berühmte Fels in der Brandung, noch Reserven für virtuose Improvisationen, Markenzeichen der venezolanischen Pianistin.

Ihr zur Seite standen renommierte Europäer, in der Academy of St. Martin in the Fields vereint, die unter dem jungen deutschen Dirigier-Heißsporn Patrick Lange auch von klassizistisch verpackten Tangos nicht zu erschüttern waren. Die Briten lieferten zum Auftakt einen Höhepunkt. Prokofjews „Symphonie classique“ hat man lange nicht mehr in der Alten Oper erlebt – schon gar nicht so durchsichtig und charakterstark. Werden doch hier die sinfonischen Ingredienzen der Haydn und Mozart vom modernen Wiener-Klassik-Liebhaber Prokofjew aufgespießt und mit ungewöhnlichen harmonischen Wendungen versehen. Ob nun behagliches Streichermelos oder pochende Fagott-Achtel. Einmal mehr zeigen die schwarzhumorigen Briten, dass Musik durchaus ironisch sein kann.

Wer an Astor Piazzolla denkt, meint Tango

Wer an Astor Piazzolla denkt, meint Tango. Der lässt dann selbst in den klassisch orientierten „Tres piezas para orquesta de cámera“ nicht lange auf sich warten, bei denen Montero am Flügel Begleitakzente setzt. Nach einer Art schwermütigem Blues dürfte es potenzielle Tango-Tänzer schon gejuckt haben. Auch wenn dieser Inbegriff südamerikanischer Leidenschaft sich erst noch gegen eine jazzig angerissene Fuga und einen Evergreen-verdächtiges „Gershwin-Song“ durchsetzen muss.

Viel Persönliches hat Montero in ihr „ExPatria“ für Klavier und Orchester gepackt, bitteres Porträt ihres Heimatlandes und „eine emotionale Antwort auf die Tatsache, dass Venezuela sich aufgegeben hat“. Gesetzlosigkeit, Korruption und Mord gehören dort mittlerweile zum Alltag. Ein schräger, schreiender Orchesterakkord zu Beginn – Realitäten in der Sprache der Musik, nach motorischen Klavierpassagen und orchestralen Störfeuern eine Trauerballade mit sirenenartigen Streicherglissandi. Wie so oft bei kompositorischen Herzensanliegen rauscht das alles zu schnell vorüber.

Positiver Schub

Für positiven Schub sorgt ein Beethoven der kraftvollen Selbstäußerung und des poesievollen Klaviergesangs. Die venezolanische Pianistin zieht im Es-Dur-Konzert stilistisch unbeirrbar ihre Bahn, zeigt Virtuosen-Temperament, riskiert aber dynamisch recht wenig. Dem individuellen Pianier-Gestus offenbar gründlich misstrauend, der hier durchaus zulässig ist. Daher hat dieser Beethoven trotz kräftigen Zupackens den Anschein des Schulmäßigen.

In ihrem Element ist Montero dagegen bei den Improvisationen auf Themen-Zuruf aus dem Publikum, das sich auch singend äußern darf. „Ich weiß nicht, was soll das bedeuten“ (nicht ohne Hinterlist angeboten) wird zum an Bach gemahnenden kontrapunktischen Fanal. Und „Freude schöner Götterfunken“ mutiert sogar zur Beethoven-Samba - ein starkes Stück …

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