Gänsehaut beim Bottleneck

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Selbstbewusste Frontfrau: Susan Tedeschi

Offenbach - Es sorgte für freudige Erregung bei der kleinen Rhein-Main-Bluesrock-Gemeinde, als das Konzert der Tedeschi Trucks Band im Capitol angesagt wurde. Von Detlef Kinsler 

Da es sich bei den Liebhabern dieses klassischen Genres meist um Männer gesetzteren Alters handelt, machten die auch keinen Hehl daraus: lieber noch hätten sie die Derek Trucks Band gesehen, am allerliebsten allerdings die legendäre Allman Brothers Band, die Anfang der Siebzigerjahre vom Süden der USA aus ihren Southern Rock in die Welt trug und bei der Derek Trucks im Jahre 1999 den Platz des 1971 verstorbenen Gitarren-Mythos Duane Allman einnahm.

Um ihren neuen Helden dieser – gemessen an den Jeff Becks und Eric Claptons dieser Welt – Söhne-Generation in Offenbach erleben zu können, nahmen die Hardcore-Fans sogar Susan Tedeschi in Kauf. Die Machos unter ihnen formulierten ihr Lob im eigentlich überholten klassischen Rock’n’Roll-Rollenverständnis: Sie ist ja eine tolle Sängerin und für eine Frau auch eine richtig gute Instrumentalistin. Aha.

Dabei steht die selbstbewusste Blondine aus Boston hier in der ersten Reihe, bestimmt den Sound der Band mit ihrer rauen, kehligen Stimme, ist die, die mit dem Publikum kommuniziert und auch solistische Akzente setzt -– meist mit ihrer Fender Stratocaster. Gleich mit dem zweiten Stück werden die Wurzeln preisgegeben. Mit dem erstmals 1929 aufgenommenen „Rollin’ and Tumblin’“ von Hambone Willie Newbern, mit dem schon Cream und Canned Heat glänzten. Aber schon im Opener des Abends stülpt Tedeschis Ehemann, der Jüngste der „100 Greatest Guitarists of All Time“ des amerikanischen „Rolling Stone“-Magazins, sein Plastikröhrchen über den Finger und spielt, meist seinem Verstärker und seinem Drummer zugewandt und nicht dem Publikum, seine unglaubliche Virtuosität mit dem Bottleneck aus. Eine Ganzkörper-Gänsehaut-Garantie für die vielen Gitarristen im nur im Innenraum besetzten Konzerthaus.

Ja, auch hier lebt die Allman Brothers Band, tatsächlich ab August wieder on the road mit vier jetzt schon ausverkauften Konzerten im Beacon Theatre in New York im Oktober, fort. In Derek Trucks’ Slide Gitarren und den zwei Drummern als Fundament für die Elf (ja, Fußball wird auch thematisiert, der Bassist trägt ein DFB-Trikot). Aber die Musiker betreiben nicht nur Traditionspflege, Tedeschi und Trucks haben ihr Familien-Ensemble variable besetzt. Mit zwei Background-Sängern, die auch als Solisten glänzen dürfen, und mit drei Bläsern, wobei auch der Keyboarder noch zur Querflöte greift. Sein Solo und die der Kollegen an Trompete und Posaune sorgen für die sensibleren Töne des Auftrittes während die Frau auf der Bühne (das Verhältnis 1:10 setzt sich im Auditorium fort), der man diese gerne zugeschrieben hätte, nicht minder muskulös wie die Männer musiziert. Da muss man die Positionen neu überdenken.

So wirkt Musik auf unseren Körper

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Fast zwei Stunden dauert das doch typische US-Entertainment mit Blues in vielen Facetten: funky, soulful, mit Gospel-Touch und in Nuancen so jazzig wie weiland Gruppen wie Blood, Sweat & Tears, Das Konzert ist eine einzige Tour de Force. Dynamisch spielen andere. Selbst im Slow Blues bleibt das Lautstärkelevel erhalten. Eine echte Energieleistung.

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