Die ganze Welt im Visier

+
Tegan (li.) und Sara Quin bei ihrem Auftritt im Mousonturm in Frankfurt.

Zu einer anderen Zeit wäre Sara Quin mit ihrem offenherzigen Bekenntnis für immer unten durch gewesen. Ausgerechnet Phil Collins, der Gottseibeiuns aller Indie-Fans, ist nämlich ihr erstes musikalisches Vorbild gewesen. Von Christian Riethmüller

So wie Collins wollte sie tanzen und eine Glatze haben wie er, verriet Sara dem amüsierten Publikum im seit Wochen ausverkauften Mousonturm in Frankfurt, wo Sara und ihre Zwillingsschwester Tegan ihr einziges Club-Konzert in Deutschland gaben. Sonst tritt die kanadische Band „Tegan and Sara“ diesen Sommer nur bei Festivals auf. Die Zeiten ändern sich und so bestimmen nicht mehr musikalische Vorlieben oder die frühkindliche Sozialisation mit den richtigen und falschen Bands den Grad der Coolness, sondern andere Faktoren. Im Fall der Quin-Schwestern zählt also nicht etwa der Umstand, dass Neil Young himself zu ihren Entdeckern zählt, sondern vielmehr ihre sexuelle Orientierung. Tegan und Sara haben sich offen zu ihrer Homosexualität bekannt, was nun allerorts verhandelt wird, also handele es sich dabei um so etwas wie ein modisches Pflicht-Accessoire.

Dabei haben die beiden gewiss nicht nur die Queer-Szene im Visier, sondern mittlerweile die ganze Welt, insofern diese zwischen den Koordinaten Punk, Folk und Pop ihre musikalischen Vorlieben befriedigt sieht. Vor allem mit dem jüngsten Album „Sainthood“, kongenial produziert von „Death Cab for Cutie“-Gitarrist Chris Walla, sind „Tegan and Sara“ auf Gebiet vorgedrungen, das früher von Madonna und Cindy Lauper besetzt war. Songs wie „Alligator“ sind so einfach und poppig, wie sie unverschämt eingängig sind, ohne aber je in Plastikpop-Gefilde abzudriften.

Geradliniger Pop und clubtaugliche Tanznummern

Während des 95-minütigen Konzerts, das in der ersten halben Stunde ausschließlich mit „Sainthood“-Material bestritten wurde, zeigten die von Gitarre, Bass und Schlagzeug begleiteten Schwestern aber nicht nur ihr Händchen für den geradlinigen Pop-Song, sondern auch für clubtaugliche Tanznummern, die den Saal zum Wogen brachten.

Einen gelungenen Kontrapunkt setzten die Zwillinge im Zugabenteil, der mit im Duett vorgetragenen Akustik-Songs wie „Back in your Head“ in Erinnerung rief, dass „Tegan and Sara“ einst als Folkrock-Duo in der Tradition der großen kanadischen Liederschmiede wie Gordon Lightfoot oder eben Neil Young begannen.

Doch das scheint lange her. Schließlich erreicht man mit flottem Powerpop schneller und direkter die Massen als mit balladeskem Folkrock. Das haben die beiden von Saras erstem musikalischen Vorbild auf jeden Fall gelernt.

Kommentare