Ein ganzes Leben auf 40 Regalmetern

Mangelsdorff-Witwe Ilo, Sohn Ralf und der verstorbene Albert auf einem Plattencover.Foto: rz

Es fällt Ilo Mangelsdorff schwer, den alten Posaunenkoffer aus der Ecke ihres Wohnzimmers hervorzuholen. Seit dem Tod ihres Mannes Albert stand er dort. Unberührt. Wie ein Gedenkstein an die gemeinsamen Jahre mit ihm, dem berühmtesten deutschen Jazzmusiker aller Zeiten.

Seit seinem Tod im Jahr 2005 hat die schmale blonde Frau immer wieder mit sich gekämpft, gerungen mit den vielen Erinnerungen. Jetzt hat sie den Mangelsdorff-Nachlass der Stadt Frankfurt vermacht. „Ich bin froh, dass ich die Sachen meines Mannes in gute Hände gegeben habe“, seufzt sie erleichtert.

Diese Hände gehören Stadt-Archivarin Silvia Stenger, sind weiß behandschuht und heben das wichtigste Vermächtnis des Ausnahme-Musikers ehrfürchtig ins Licht: eine silberne Posaune. Tiefe Scharten und Kratzer zeugen von unzähligen Auftritten, die Albert Mangelsdorff mit seiner „King“ absolviert hat. Es ist, als wenn der „Meister“ erst gestern den Posaunenkoffer geschlossen hätte. „Es war sogar noch ein nicht eingelöster Scheck darin“, verrät Evelyn Brockhoff, Leiterin des Instituts für Stadtgeschichte.

Ihre Leute werden in den nächsten Wochen und Monaten den Mangelsdorff-Nachlass erforschen. Tausende Schallplatten, Notensammlungen, Korrespondenz und Plakate lagern schon jetzt auf 40 schweren Stahlregalmetern im dritten Stockwerk der Stadtarchive an der Borsigallee. Sie sollen den Grundstock für eine Jazz-Archiv bilden, das die Stadt Frankfurt einrichten will. Der Name: Albert-Mangelsdorff-Archiv.

Für den Verstorbenen eine Ehre, für Historiker ein Traum, hat Mangelsdorff doch alle Ereignisse und Termine fein säuberlich in dicken Kladden notiert. Diese sollen nun der Wissenschaft zur Verfügung stehen und „etwas über den Alltag erzählen“. Als Brockhoff davon spricht, steigen der Witwe Tränen in die Augen. Neben ihr sitzt Sohn Ralph, selbst Musiker, und erklärt, wie dankbar er und seine Mutter sind, dass die Sachen seines Vaters das Jazz-Archiv ermöglichen.

Ilo Mangelsdorff rückt derweil ihre dunkle Brille zurecht. Inmitten von alten Freunden und Weggefährten – darunter Fritz Rau und Günther Kieser – kommen unweigerlich die Erinnerungen wieder hoch. Es ist, als wenn ihr Mann nur aus dem Zimmer gegangen wäre.

    CHRISTIAN REINARTZ

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