Geballte Ladung aus früher Ära

Mainz - Drahtig das weiße volle Haar, robust die noch immer stattliche Figur – auch mit fast 70 Jahren hat John Cale nicht allzu viel von seiner Virilität eingebüßt. Von Ferdinand Rathke

Nicht mehr ganz so gut zu Fuß bewegt sich der Mitbegründer der Rocklegende The Velvet Underground, aber John Cale bleibt John Cale, wenn er nach avantgardistischer Kakophonie aus der Konserve mit „Frozen Warnings“, einem raren Titel aus dem schwer verdaulichen Werk „The Marble Index“ seiner künstlerischen Weggefährtin Nico, kraftvoll im Mainzer Frankfurter Hof eröffnet.

Begleiten lässt sich Cale beim Repertoire-Rundumschlag von seinem seit einigen Jahren gewohnten Team: Gitarrist Dustin Boyer und Schlagzeuger Michael Jerome ergänzen den sommerlich gekleideten Herrn und Meister mit virtuos solidem Handwerk, das auf Eigensinnigkeiten und Launen spontan zu reagieren vermag. Warum Bassist Josh Schwartz fehlt, wird indes mit keinem Wort erwähnt. Als Kernprogramm dienen John Cale, der sich zuerst am E-Piano, dann auf der Akustikgitarre begleitet, jene Songs aus der kurzen Spanne, als der Waliser an das Label Island gebunden war.

Akribisch aufgereiht hat das Trio die knackigen Perlen, die Glamrock und Punk verinnerlicht haben, aber dennoch Zeitlosigkeit atmen: „Darling I Need You“, „Heartbreak Hotel“, „The Ballad Of Cable Hogue“, „Ship Of Fools“, „Gun“, „Pablo Picasso“ und, als einzige Zugabe, „Dirty Ass Rock’n’Roll“, lassen das seit Jahrzehnten treu ergebene Publikum mitwippen. Dazwischen gestreute Titel jüngeren Datums wie „Set Me Free“ und „Dancing Undercover“, „Sold Motel“ aus Cales letztem Werk „Black Acetate“ sowie die neuen Stücke „Whaddya Mean By That?“ und „Catastrofuk“, fügen sich nahtlos ein. Bei so schnörkelloser Radikalität verzeiht das Publikum die relative kurze Dauer des Gastspiels, aber auch, dass John Cale auf die griffbereite E-Gitarre und eine Viola verzichtet.

Rubriklistenbild: © pixelio.de/Lizzy Tewordt

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