Dirigent Michael Gielen springt beim Konzert mit dem hr-Sinfonieorchester für Fabio Luisi ein

Gefeierte Rückkehr an den Main

Frankfurt - Von wegen Altersgelassenheit – nach wie vor strahlt der drahtig wirkende Dirigent Michael Gielen viel Energie ab, wenn es um die ideale Balance der Orchesterstimmen geht. Von Klaus Ackermann

Der Rückkehrer, 1986 die legendäre Ära Gielen an der Oper Frankfurt begründend, kam als Einspringer zum hr-Sinfonieorchester. Für den Italiener Fabio Luisi, dessen Programm der 84-Jährige sogar übernahm, Werke von Richard Strauss, Alban Berg und Robert Schumann, maßgeschneidert auch für Gielen, der in Frankfurts Alter Oper gefeiert wurde.

Ein frühes Werk ist der stürmisch auftrumpfende, ewige Verführer Don Juan, Tondichtung nach Nikolaus Lenau, mit der Richard Strauss seine feinnervige wie an kleinteiligen Motiven reiche Orchestersprache entwickelte. Doch Gielen und die sein sachliches Dirigat perfekt umsetzenden hr-Sinfoniker gestalten auch intensiv das bittersüße Lamento der zahlreichen Opfer des gnadenlosen Verführers, bei Strauss-Lenau ein Held mit am Ende resignativen Zügen. Wenn dann das zerfasernde Melos in orchestrale Grautöne an den Grenzen der Tonalität übergeht, ist Gielen in seinem Element.

Auch bei Alban Berg, dessen Konzertarie „Der Wein“ den Intellektuellen unter den Pultstars reizen musste. Singt doch hier auf Gedichte des frühen Symbolisten Charles Baudelaire, übertragen von Stefan George, nicht nur des Weines Geist im Fass, zwischen den Zeilen findet sich auch manch geheimnisumwitterte Liebeserklärung. Die lässt Mojca Erdmann kostbarer Sopran entdecken, der zarte melodische Linien zieht, doch insgesamt sehr sachlich – daher etwas unterkühlt – den poetischen Gehalt dieser Gedankenlyrik erkundet. Umso mehr ist im Orchester los, das mit Gielen, der den vielfarbigen Klang zu fixieren scheint, den kristallinen Gesang behutsam unterfüttert, und mit Alban Berg einmal mehr nachweist, wie viel Klangsinnlichkeit doch in Schönbergs Zwölftonreihe steckt.

Schließlich Schumanns Frühlingssinfonie, die Aufbruchsstimmung in vielen Facetten verbreitet. Gielen nutzt die Fassung von Gustav Mahler, in 840 Retuschen (!) einem durchsichtigen Klangbild verpflichtet – so zwischen fein ausgeleuchtetem Lied, Flötengezwitscher und urromantischem Horn-Ruf. An Spannung nicht nachlassend, inszeniert Gielen das effektvolle Blechbläser-Finale. Und scheint ein wenig verwundert über die Ovationen des Frankfurter Publikums, das er einst mit aufmüpfigen, aber künstlerisch stets wertvollen Opernproduktionen teils heftig verschreckt hatte.

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