Gegen Radio Ga Ga helfen nur Gitarren

+
Die Bohemians begehren gegen die gleichgeschaltete Realität auf.

Frankfurt - Zwölf Jahre lang war das Dominion Theatre in London Tempel für Musical- und Queen-Fans zugleich, wurde doch dort ununterbroche das Stück „We Will Rock You“ gezeigt. Nach über 4600 Vorstellungen war am 31. Mai dieses Jahres Schluss, doch das Musical lebt weiter. Von Christian Riethmüller 

In seiner deutschen Version geht es nun auf Tour und ist im Dezember in der Alten Oper zu erleben. In diesem Januar war Queen gewiss „amused”. Ein historischer Rekord war errungen. Und im Gegensatz zur tatsächlichen Königin von England hätte diese „Queen” ihren Erfolg sofort mit einer selbstkomponierten, weithin bekannten Hymne feiern können. Deren Titel trug ja schon immer die selbsterfüllende Prophezeiung: „We Are the Champions“. Das wussten Brian May, Roger Taylor und John Deacon zwar bereits zu Zeiten, als ihr legendärer Anführer Freddie Mercury noch lebte, doch die Zahl „Sechs Millionen” dürfte selbst die erfolgsgewöhnten Musikstars entzückt haben. Im Januar 2014 verkündete die Official Charts Company in London jedenfalls die Nachricht, dass vom 1981 veröffentlichten Album „Queen’s Greatest Hits” als erster Platte in Großbritannien überhaupt sechs Millionen Exemplare verkauft worden sind. Damit hat Queen nicht nur „Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band” von den Beatles auf dem zweiten Platz weit hinter sich gelassen, sondern auch die Wahrscheinlichkeit weiter erhöht, in vermutlich jedem dritten britischen Haushalt eine Kopie dieser Hit-Zusammenstellung zu finden.

Der Erwerb von Queen-Alben ist aber keine Leidenschaft, die ausschließlich auf der Insel gepflegt wird. Über 170 Millionen Tonträger soll die 1971 gegründete Band mittlerweile weltweit abgesetzt haben. Und obwohl Sänger Freddie Mercury bereits 1991 verstorben ist und Bassist John Deacon sich völlig aus der Öffentlichkeit zurückgezogen hat, lebt der Mythos der Band fröhlich weiter. Das hat sicher auch mit der Umtriebigkeit von Gitarrist Brian May und Schlagzeuger Roger Taylor zu tun. Neben eigenen musikalischen Projekten pflegten sie in den vergangenen zwei Jahrzehnten kontinuierlich die Queen-Legende. Sie nahmen einige der großen Hits der Band mit Gaststars neu auf. Sie konzertierten bei großen öffentlichen Ereignissen wie dem goldenen Thronjubiläum der englischen Königin. Oder sie gingen gleich wie in den Jahren 2005 und 2008 auf Welttournee und liehen sich dafür - in Ermangelung ihres eigenen großen Sängers - in Paul Rodgers eben einen anderen britischen Sanges-Helden aus. Sie geben aber auch jungen Sängern eine Chance, wenn sie Anfang 2015 mit dem amerikanischen Sänger und Musical-Darsteller Adam Lambert als Frontmann durch Europa touren.

Dass andere Musiker in die Rolle von Queen schlüpfen könnten, hat sich aber schon wesentlich früher bewährt - allerdings auf anderen Bühnen als in Stadien und riesigen Multifunktionshallen. Jim Beach, Manager von Queen, hatte bereits Mitte der Neunziger Jahre die Idee gehabt, die vielen Hits der Band als Grundlage für ein Bühnenstück zu nehmen, das die Lebensgeschichte Freddie Mercurys erzählen würde.

Die Idee vom Queen-Musiktheater sollte einige Jahre später Wirklichkeit werden, nur mit einer völlig anderen Geschichte. Im Jahr 2000 bekam der britische Schriftsteller und Comedian Ben Elton den Anruf einer Produktionsfirma und das Angebot, das Buch für ein Queen-Musical zu schreiben. Elton war entzückt, zumal Queen selbst hinter dem Projekt standen, hielt allerdings nichts von der Ursprungsidee einer Mercury-Biografie. „Ein Queen-Musical muss die ganze Band charakterisieren”, begründet er im Gespräch seine Entscheidung, auf ein eigenes Buch für das Musical zu bestehen. Dessen kompletter Plot soll ihm dann - „It’s a kind of magic” möchte man meinen - bei einem Spaziergang im Park eingefallen sein, erzählt Elton. Während er den Kinderwagen durch den Londoner Regent’s Park schob, entspann sich vor dem geistigen Auge des Dichters die Welt im fortgeschrittenen 21. Jahrhundert.

"Rocky"-Musical: Diese Stars feierten mit

"Rocky"-Musical: Diese Stars feierten mit

Diese Welt ist komplett vereinheitlicht. Ein Konzern mit Namen Globalsoft und dessen Chefin, die Killer Queen, bestimmt über das öffentliche Leben und zwingt die Bürger, computergenerierte, sedierend wirkende Tonfolgen aus dem Internet herunterzuladen. Musikinstrumente gibt es in dieser „brave new world” nicht mehr. Doch dann tauchen in Gestalt des Jungen Galileo und des Mädchens Scaramouche zwei idealistische Teenager auf, die sich nicht mit dieser gleichgeschalteten Realität abfinden wollen. Sie begeben sich auf die Suche, denn irgendwo auf dem Planeten soll es noch Instrumente geben. Genauer gesagt Gitarren, die einst der langhaarige Gitarrengott einer Band namens Queen versteckt hat und mit denen man eine Band gründen und gegen die trostlose Öde anrocken kann. Wie diese besondere, von über 20 Queen-Hits wie „Bohemian Rhapsody”, „Killer Queen” oder „Another one bites the dust” untermalte Gralssuche ausgehen wird, liegt auf der Hand. Schließlich trägt das Musical den Titel „We will rock you”.

Unter diesem Namen hatte das Stück, das von Brian May und Roger Taylor musikalisch überwacht wird, am 14. Mai 2002 im Dominion Theatre London Premiere. Wenn die Beteiligten hier die Siegeshymne „We are the champions” anstimmten, dann mit aller Berechtigung. Auf über 4600 Aufführungen in London hat es das Stück gebracht, bevor am 31. Mai dieses Jahr das letzte Mal der Vorhang fiel. Über 6,5 Millionen Zuschauer haben das Musical allein in der britischen Hauptstadt gesehen. Weltweit kommt „We Will Rock You“ auf geschätzte 15 Millionen Besucher, wurden doch eigene Fassungen der Show mittlerweile auf allen Kontinenten aufgeführt.

Seit 2004 gibt es auch eine deutschsprachige Version des Bühnenhits, die vier Jahre am Stück in Köln gespielt und dort zum erfolgreichsten Musical aller Zeiten wurde. Diese deutschsprachige Inszenierung in der überarbeiteten Londoner Originalversion wird nun erstmals in Frankfurt zu sehen sein. Dafür sind etwa die Videoanimationen der besonders von ihrer Arbeit für U2 bekannten Designer Mark Fisher und Willie Williams aktualisiert worden. Auch ein eigenes Ensemble ist in internationalen, von Brian May und Roger Taylor überwachten Auditions zusammengestellt worden. Für die Hauptrollen sind mit Christopher Brose (Galileo) und Jeannine Michèle Wacker (Scaramouche) junge Talente gefunden worden. Aber auch Mitwirkende der deutschen Uraufführung in Köln sind wieder mit an Bord, etwa Brigitte Oelke, die eine unverkennbare „Killer Queen“ gibt, oder Martin Berger, der wieder als „Kashoggi“ zu erleben ist.

„We Will Rock You“ ist von 19. Dezember bis 9. Januar in der Alten Oper Frankfurt zu sehen

Auch das Skript hat eine Überarbeitung erhalten. Wie Ben Elton als Autor und Regisseur erzählt, verfeinert er das Buch ständig, passt es aktuellen Zuständen an und nimmt auch Rücksicht auf das jeweilige Humorverständnis in den Auftrittsländern. Schließlich soll ja nicht nur die Queen „amused” sein.

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare