Geglückter Abstieg vom Pop-Olymp

Die Luft ist dünn auf dem Gipfel des Erfolgs. Manchmal bekommt man das schmerzhaft zu spüren. Als die schottische Britpop-Band Travis sich endlich in den Hitparaden etablierte, spielte plötzlich das Leben Rock’n’Roll. Schlagzeuger Neil Primrose sprang dem Tod von der Schippe, Francis Healy rang mit Depressionen.

Jetzt haben sich die Schotten, ohne die es Coldplay nicht gegeben hätte, wie deren Sänger Chris Martin gern bekundet, auf ihre Wurzeln besonnen, touren durch kleine Clubs wie den Frankfurter Mousonturm, der seit langem ausverkauft war, und klingen auf ihrem aktuellen Album „Ode To J. Smith“ rauer und urtümlicher als auf dem weich gespülten Vorgänger „A Boy With No Name“.

Ein frischer Wind weht auch auf der Bühne: Der nun Hut tragende Fran Healy brachte schon immer vollen Körpereinsatz am Mikrofon, jetzt erlaubt er sich manche Freiheit, sogar Ausflüge ins Publikum. Andy Dunlop, ein kurz vor dem Ausbruch stehender Gitarren-Vulkan, kann in den neuen Stücken endlich herzhaft in die Saiten greifen – nur Dougie Payne zupft unverdrossen mit derselben gut gelaunten Entrücktheit seinen Bass und grinst sich eins.

Es sind lieb gewonnene melancholische Nettigkeiten, die Travis servieren, darunter Hits wie „Sing“, „Side“, „Drift wood“, „Writing To Reac h You“ oder „Turn“. Doch aufhorchen lassen vor allem aktuelle Lieder, die typisch sind – und auch wieder nicht: Harmoniesatt, melodieselig, zum Sterben schön und nach wie vor hitverdächtig wie der Kracher „Song To Self“. Doch die Idyllen haben Risse und Bruchstellen. Und das macht die Musik von Travis endlich wieder interessant. CARSTEN MÜLLER

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