Das Geheimnis der Liebe

+
Das Wildschwein ist ein Motiv, das sich durch das neue Soloalbum „Mittendrin“ der deutsch-liberianischen Sängerin Pat Appleton zieht.

Plötzlich war da dieses Wildschwein neben ihr. Mitten in Berlin Zehlendorf lief es vor ihrem Fahrrad über die Straße, um in einem Garten nach Vergrabenem zu buddeln. „Etwas Archaisches mitten in der Stadt“, beschreibt es Pat Appleton. Von Katharina Skalli

Das Erlebnis mit der wilden Sau in der Großstadt hat sie nicht losgelassen und so hat die Sängerin es zum Motiv ihres zweiten Soloalbums „Mittendrin“ gemacht. Entspannt setzt sich Appleton an die Bar eines Frankfurter Hotels. Sie ist mal wieder unterwegs. Wie so oft in ihrem Leben. Mittlerweile gehört das Reisen zu ihr.

Pat Appleton wirkt frisch, aufgeräumt und entspannt. Ihr Terminkalender ist voll, doch sie wird nicht müde, die immer gleichen Antworten auf die immer gleichen Journalistenfragen zu geben. Schließlich geht es um ihre neue CD. Das Album entstand im vergangenen Winter in Berlin, Appletons Wahlheimat, in der sie seit 2002 lebt. „In Berlin fühle ich mich zuhause“, sagt sie. Aufgewachsen ist die Tochter einer Deutschen und eines liberianischen Architekten in Aachen und Liberia. Mit 18 ging sie nach Heidelberg, begann ein Studium und verdiente sich nebenbei Geld mit Studioaufnahmen und als Sängerin einer Partyband. Bis sie den Musiker und Produzenten Pit Baumgartner traf. Mit ihm kam die Band De-Phazz und Appleton startete eine erfolgreiche Karriere als Sängerin. Die Soul-Elektro-Combo wurde mit Hits wie „Death by Chocolate“ und „The Mambo Craze“ berühmt und hat mittlerweile Fans auf der ganzen Welt.

Als Solo-Künstler musst man nach vorne

Während sie mit ihrer Band De-Phazz jazzige Loungemusik macht, setzt sie als Solokünstlerin auf rockigen Soul mit viel Raum für Stimme und Text. „Bei De-Phazz ist der Sänger Teil des Geschehens“, sagt sie. „Als Solokünstlerin gehe ich mehr nach vorne. Ich möchte, dass die Leute meine Texte verstehen.“ Deshalb singt die Künstlerin mit der warmen Altstimme, die immer ein wenig nach Lächeln klingt, auch auf Deutsch. „Deutsch ist meine Muttersprache. Ich musste mich mit der Sprache beschäftigen. Ich wollte sehen, ob ich mit ihr arbeiten kann.“ Keine leichte Aufgabe für die Queen des Elektro-Jazz.

Was ihr im Radio und von Platten auf Deutsch entgegen gesungen wird, kommt ihr manchmal ein wenig abgenutzt vor. „Man ist sehr nackt, weil man verstanden wird.“ Außerdem schwebe über deutschen Künstlern immer das „Damokles-Schwert des Schlagers“. In diese Ecke wollte sie auf keinen Fall geraten. Auch wenn sie als Kind mit Schlagern aufgewachsen ist und sich zu den heimlichen Schlagerfans zählt. Die Musikerin hängt an der deutschen Sprache und vermisst Wörter, die nur noch selten verwendet werden. Eines ihrer Lieblingsworte ist „unsachgemäß“. Sie verwendet es so oft sie kann. „Das wird viel zu wenig gesagt.“

Eigene Freiheit war früher am wichtigsten

Pat Appleton kommt am Freitag, 8. April, in den Frankfurter Club „Das Bett“.

Trotz der Wortlastigkeit ihrer Texte und den Sätzen und Inhalten die zum Nachdenken anregen, gehen die Songs in die Hüfte. Dennoch: Der Text steht im Vordergrund, macht empfindsam und berührt. Pat Appleton singt über „Geborgenheit“, die plötzliche in den Alltag bricht.

Früher war ihr die eigene Freiheit am wichtigsten. Sie hat Wert auf getrennte Wohnungen und Schlafzimmer gelegt. Heute ist das anders. „Manchmal weiß man nicht wie schön das sein kann, wenn man seine Freiheiten freiwillig aufgibt und mit jemandem zusammenlebt und den Alltag erlebt.“ Wenn sie das besingt, klingt es, als sei sie angekommen. In ihrer Beziehung und in Berlin. Mittlerweile ein Ort, an den sie sich gerne zurückzieht.

„Das ehrlichste Album, das ich je gemacht habe“

Während der Arbeit hat Appleton nach ihrem eigenen Stil gesucht und ihn auch gefunden. Frech, „nach vorne raus“, beschreibt sie ihn. Sie gibt zu: Auf dem Album verrät sie viel von sich. „Es ist das ehrlichste Album, das ich je gemacht habe“, sagt sie. Sie lässt Geschichten, die sie erlebt hat, Revue passieren. Und plaudert aus dem Nähkästchen. Die Sache mit dem Wildschwein, den Tag, als sie den Brautstrauß fing und der Besuch in Paris. Die Themen, die sie besingt, sind nicht neu: Paris, Männer, die Liebe, das Leben. Doch die hübsche Musikerin mit dem breiten Lächeln, das bis in die schokoladenbraunen Haarspitzen zu strahlen scheint, verwendet eine einfache, unkonventionelle Sprache, die allein durch ihre Schlichtheit bezaubert. Sie erinnert daran, wie sich Wörter anfühlen, wie sie klingen und wie tief ihre Bedeutung berühren kann.

Ihre gesungenen Gedanken über die Liebe sind anders als der übliche Schnulzen-Sound. Sie will die klassischen Liebeslieder aufbrechen. Ihre Idee von der Liebe ist eine abwechslungsreiche. „Man muss immer wieder an einer Beziehung arbeiten“, sagt sie, und ein wenig klingt es, als habe sie damit ihr Rezept für eine funktionierende Partnerschaft gefunden. Wer genau hinhört, wenn Pat Appleton singt, dem verraten ihre Texte noch mehr Details.

Mehr zum Thema

Kommentare