Pop heilt Klassik nicht

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Eine beiläufige Pointe des Abends ist es, dass eine entscheidende Verjüngung des Klassikpublikums mit einem wie David Garrett entgegen anderslautenden Hypothesen dem Anschein nach nicht zu erreichen ist. Der Blick über die Zuschauerreihen ließ viele Grauschöpfe erkennen.

Frankfurt - In der Klassikwelt rümpfen bekanntlich viele die Nase über David Garrett. Tatsächlich erscheinen die Crossover-Projekte des wohl populärsten Geigers der Welt künstlerisch fragwürdig. Von Stefan Michalzik

Derzeit ist der Frauenschwarm wieder einmal mit einem Klassikprogramm unterwegs. Einem Kammermusikabend, Tourneestart war im Großen Saal der Frankfurter Alten Oper.

Garretts dramaturgisches Rezept: Erst einmal ein Reißer, Fritz Kreislers virtuose Corelli-Variationen im Stile von Tartini, in einer Triobearbeitung, zu Violine und Klavier wurde, wie oft an diesem Abend, die Gitarre hinzugezogen. Das ist nicht zwingend, aber auch nicht unseriös, Bearbeitungen haben schließlich Tradition.

Danach wartet Garrett immerhin mit Brahms’ zweiter Violinsonate in A-Dur op. 100 auf. Es folgt eine ununterbrochene Reihe von kurzen Stücken, die man normalerweise als Schmankerl in der Zugabe spielen würde: Viel Kreisler wieder, eine Bearbeitung des Sommers aus Vivaldis Vier Jahreszeiten mit Gitarrenbegleitung, schließlich Brahms’ fünfter Ungarischer Tanz als Rausschmeißer zur Pause. Die Bühne ist, anders als bei einem herkömmlichen Klassikkonzert, grell ausgeleuchtet. Applaus zwischen den Sätzen ist zugelassen. Das muss man nicht mögen, es ist aber in vergangenen Jahrhunderten durchaus üblich gewesen. Garrett macht Conferencen. Er erzählt nach der Manier eines Stand-Up-Comedians wahre oder ersonnene Schwänke aus seinem Leben – von minderem Witz. Nichts gegen den Einzug des Worts in die Klassik, es muss auch nicht hochgeistig sein, aber doch bitteschön originell.

Nach der Pause: Beethovens Kreutzersonate opus 47, wie vorher schon der Brahms in A-Dur. Beethoven ist bei David Garrett ein Romantiker. Die kühne Modernität des Stücks deckt er sorgfältig zu. Was die interpretatorische Qualität anlangt, kann man in jeder Hinsicht auf dem Boden bleiben. Spielen kann der Mann natürlich. Weitaus aufregendere Lesarten hat man allerdings beileibe schon gehört. Das vibratoreiche Spiel auf der Stradivari erscheint im Umfeld heutiger Interpretationskunst altmodisch. Vom Pianisten Julien Quentin wird David Garrett wie schon bei Brahms ausgesprochen unauffällig begleitet, was auch für den Gitarristen Marcus Wolf gilt.

Eine beiläufige Pointe des Abends ist es übrigens, dass eine entscheidende Verjüngung des Klassikpublikums mit einem wie David Garrett entgegen anderslautenden Hypothesen dem Anschein nach nicht zu erreichen ist. Der Blick über die Zuschauerreihen ließ viele Grauschöpfe erkennen.

Kulturpessimisten können sich entspannen: An einem Phänomen wie David Garrett wird die Klassikwelt nicht zugrundegehen. Aber auch nicht genesen. Sie ist nämlich viel zu robust, einer Heilung zu bedürfen. Mag Garrett seine Musik getrost so – in einer äußeren Form, die an ein Popkonzert erinnert – präsentieren. Ein Modell für eine allgemeine Reform der Konventionen des Konzertsaals kann das nicht abgeben.

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