Geordnete Welt ins Wanken gebracht

Der Mensch ist ein Gewohnheitstier, das weiß der Volksmund. Selbst beim Konsum von Musik verlässt er sich auf Bewährtes und überschreitet ungern Grenzen. Von Ferdinand Rathke

Fristen doch Künstler, die abseits der harmonischen Norm experimentieren, weltweit ein Nischendasein abseits populärer Massenkultur. Ein gerütteltes Maß an künstlerischer Toleranz sollte also aufbringen, wer sich auf die äußerst facettenreiche Klangwelt von Tortoise einlässt. Stellt das 1992 von John Herndon und Douglas McCombs gegründete Quintett aus Chicago doch mit Sicherheit allzu phlegmatische Hörgewohnheiten auf den Kopf.

Schon vor dem Auftakt im gut gefüllten Frankfurter Mousonturm verblüffen Tortoise mit unorthodoxen Gepflogenheiten: Da fallen als erstes die beiden in vorderer Bühnenmitte platzierten Schlagzeuge auf, flankiert von zwei rechts und links seitlich gestellten Vibraphonen. Nicht zu vergessen ein ebenfalls prominent präsentierter analoger Synthesizer. Diverse Gitarren, Bässe und sonstigen Schnickschnack entdeckt das Auge des Betrachters hingegen erst im zweiten Glied.

Atonale Jazznoten

Wortlos greifen fünf Herren im Durchschnittsalter von Mitte 40 nach den Instrumenten. Harsch verkeilen sich atonale Jazznoten in einem dynamischen Rhythmusgefüge mit polyphonen Harmonien – ein Konzept, das von der üblichen Songstruktur eklatant abweicht. Ein Eindruck, der sich mit jedem weiteren Titel stärker manifestiert. Zumal das durch Jeff Parker, Dan Bitney und John McEntire komplettierte Kollektiv in schöner Regelmäßigkeit untereinander die Instrumente tauscht.

Tortoise spielen an – gegen Konventionen, gegen Traditionalismus und mitunter auch gegen sich selbst, wenn das Ensemble stoisch darauf beharrt, ohne ein von den meisten Kollegen in Form eines Sängers oder Frontmanns personifiziertes Epizentrum auskommen zu wollen. Da stört es nur marginal, wenn mal eine Improvisation nicht den gewünschten spontanen Verlauf nimmt und künstlerisch aus dem Rahmen fällt – ganz im Sinne von Kraut-Rock-Vorbildern wie Can, Faust oder Amon Düül II.

Eingefleischten Blues-Enthusiasten, Jazz-Kennern, Pop-Liebhabern und Rock-Ideologen scheint soviel künstlerische Freiheit freilich suspekt zu sein. Verlässt doch mancher gar den von schrillen Rückkopplungen, schrägen Noten und schnellen Tempiwechseln zum Bersten gefüllten Saal nach Luft schnappend in Richtung Ausgang. Sinniert möglicherweise auf dem Heimweg nicht nur über einen ungewöhnlichen Bandnamen, der Landschildkröte bedeutet, sondern auch über nicht minder skurrile Alben-Titel wie „Beacons Of Ancestorship“, „Rhythms, Resolutions And Clusters“ oder „Millions Now Living Will Never Die“ ...

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