Lothar Zagrosek und das Konzerthausorchester Berlin beim Rheingau-Festival

Wie aus dem Hut gezaubert

Haydn gab mannigfaltige Impulse beim Auftritt des Konzerthausorchesters Berlin in Wiesbaden. Animierte der Wiener Klassiker doch Johannes Brahms zu seinen berühmten Haydn-Variationen, von Chefdirigent Lothar Zagrosek klanglich mit dem Tiefenlot ergründet. Zur Steilvorlage für die hohe Kunst des jungen Solisten Daniel Müller-Schott gedieh Haydns Konzert für Violoncello und Orchester C-Dur.

Endgültig in der Romantik waren die Berliner dann bei der vierten Sinfonie d-Moll des Brahms-Freundes Robert Schumann angekommen, das Pendel zwischen milden klanglichen Wonnen und dramatischer Leidenschaftlichkeit weit ausschwingen lassend.

An großartigen Klangformationen mangelt es in der Hauptstadt ebenso wenig wie beim Rheingau Musik Festival. Das Konzerthausorchester, nach seinem Standort, benannt, wurde 1952 als (Ost-) Berliner Sinfonie-Orchester gegründet und vom legendären Kurt Sanderling geprägt.

Leuchtkraft bezeugen die Berliner schon in den Variationen über ein Haydn-Thema, dem Chorale St. Antoni. Acht Charaktervariationen hat Brahms über das ursprüngliche Wallfahrer-Lied geschrieben. Dabei spielt er mit Haydns Stilismen, wie er aus der Variation sich ergebende Themen noch zu variieren versteht. Und dennoch scheint jede dieser Abwandlungen, mal sich melodiös verwindend, mal bezaubernde Rokoko-Reminiszenz, eine eigene Geschichte zu erzählen. Zagrosek lässt im Detail tief blicken und wahrt dennoch die sinfonische Dimension. Bis hin zur dynamisch effektvollen Passacaglia, deren Überraschungsschluss das Orchester wie aus dem Hut zu zaubern scheint.

Mit dem Chefdirigenten hat Daniel Müller-Schott sein Engagement für Neue Musik gemein. Beim Haydn-Cellokonzert C-Dur ist eine Arbeitsteilung offensichtlich. Während sich Zagrosek um die große gestalterische Linie kümmert, wirkt der Solist intensiv mit den ersten Streicherpulten vernetzt. Ein großartiger Vorspieler, der sich aber auch kammermusikalisch einbringt. Heraus kommt ein hochwertiges Haydn-Erlebnis, brillant im Virtuosen, empfindsam im gedankenverlorenen Lied und noch im munteren Gemenge stilistisch auf dem Punkt. Müller-Schott scheint in Spiellaune, revanchiert sich mit Ravel-Habanera und Bourrée von Johann Sebastian Bach für stürmischen Beifall.

Schumann und das Konzerthausorchester: Das ist eine Liebesehe, so engagiert erkunden die Berliner die Vierte, eher eine sinfonische Fantasie, deren vier Sätze pausenlos ineinander übergehen. Alle ziehen hier an einem expressiven Strang, feines Melos und erlesener Holzbläser-Gesang inbegriffen. Das klingt nach Weichspüler, doch Zagroseks abgezirkelte Dynamik verschweigt auch Härten nicht. Mit dem Scherzo aus der Vierten von Brahms schließt sich der Kreis – hartnäckiger Ohrwurm auf dem Heimweg … KLAUS ACKERMANN

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