Alfredo Perl

Glänzende Übersicht im Tastensturm

Seine Gesamteinspielung der Klaviersonaten Beethovens wurde vielfach gelobt, und doch gilt Alfredo Perl als Geheimtipp. Beim Rheingau Musik Festival gehört der 1965 geborene chilenische Pianist mittlerweile freilich zu den Stammgästen.

Gut ausgewählt war sein aktuelles Programm auf Schloss Johannisberg, das ausschließlich aus Variationenwerken von Joseph Haydn, Robert Schumann, Anton Webern und Johannes Brahms bestand.

Klug gestaltet war bereits jede der Variationen Haydns über ein Andante-Thema f-Moll (Hob. XII:6). Zwar ließ Perl keine einzige Wiederholung der je zweifach viertaktigen Variationen aus, spielte sie aber durchweg ihrerseits variiert, mit Verzierungen, Betonungsverschiebungen oder dynamischen Lichtwechseln – ganz ähnlich übrigens wie von Johannes Brahms die hoch virtuosen Variationen und Fuge B-Dur über ein Thema von Händel op. 24 am Ende des stark gefeierten Klavierabends.

Im schnellen Wechsel Stimmungen zu skizzieren – das gelang dem unprätentiös auftretenden, technisch makellos agierenden Pianisten etwa nach der gezierten bis verspielten, klanglich gehärteten Vorstellung des Händel-Themas sogleich in der zweiten Variation und ihrer fast statischen Melancholie. Bei aller Wucht zelebrierte er die abschließende Fuge mit Überblick. Nie klang Perls Interpretation überdeutlich oder zu extrovertiert – bei aller, wenn nötig, hohen Energetik seines Spiels bleibt er ein hinter dem Werk stehender Vermittler.

Umso deutlicher wurden so die stilistischen Wechsel. Wobei die im zweiten Programmteil vorgenommene Gegenüberstellung von Brahms und Anton Webern als Vertreter der Zweiten Wiener Schule sinnvoll war, weil der Kreis um Arnold Schönberg ebenso anerkennend auf Brahms zurückblickte wie Brahms mit seinen Variationen seinerseits auf Georg Friedrich Händel. Perl spielte Weberns schlaglichtartig knappe Variationen op. 27 zu Recht vorwiegend im schonungslosen Dauer-Staccato.

In der ersten Hälfte hatte zudem seine rauschhafte und doch auf Transparenz setzende Sicht auf Schumanns „Kreisleriana“-Fantasien op. 16 begeistert. Als Zugabe erklang das Intermezzo op. 117/2 von Brahms.

JÖRG SANDER

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