Glitzer-Queen aus der Garage

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Raus aus der Garage, rein in die Disco: Das Punk-Mäntelchen und jene Rotzgören-Attitüde, die das amerikanische Trio Gossip noch bis vor kurzem zur Schau stellte, ist mit dem neuen Album „Music for Men“ dem Glitzer gewichen.

Offenbach - Raus aus der Garage, rein in die Disco: Das Punk-Mäntelchen und jene Rotzgören-Attitüde, die das amerikanische Trio Gossip noch bis vor kurzem zur Schau stellte, ist mit dem neuen Album „Music for Men“ dem Glitzer gewichen. Von Christian Riethmüller

Da darf zwar Brace Paines Gitarre noch in Indie-Rock-Manier zur Groove-Attacke auffordern, doch spielen die Klänge aus dem Synthesizer und Hannah Billies stoisches Schlagzeug-Gekloppe nun eine wesentlich bedeutendere Rolle als zu den fast ein Jahrzehnt zurückreichenden Anfängen der Band, die einst als blues-orientierte Minimalisten anfingen.

Das Gossip-Konzert in Bildern:

Gossip in der Offenbacher Stadthalle

Geblieben ist der seelenvolle und ekstatische Gesang Beth Dittos, der charismatischen Frontfrau der Band. Die hat nicht nur als Sängerin von sich reden gemacht, sondern dient vor allem auch als Projektionsfläche für die unterschiedlichsten Anliegen, die zwischen Feminismus, Homosexualität und Body-Mass-Index ein weites Feld abstecken, vom dem auch die Rolle als Karl Lagerfelds neuer Dick-ist-schick-Muse nur kurzzeitig ablenken dürfte.

Dittos Einzug in den Kosmos der Klatschmedien hat sicher den Aufstieg der Band vom Geheimtipp, der vor drei Jahren noch im Hafen 2 in Offenbach zu bestaunen war, in den Mainstream beschleunigt. Heute ist die Stadthalle in Offenbach gerade passend, um dem gestiegenen Interesse an Gossip gerecht zu werden, das nebenbei auch noch vom Erfolg der Single „Heavy Cross“ befeuert wird, die mittlerweile nicht nur im Radio, sondern auch bei allen großen und kleinen Einzelhändlern hier in der Region in Dauerrotation zu laufen scheint.

Einsatz ist dem anderer Sängerinnen voraus

Wenn man diesen im Grunde banalen Song nicht schon längst über hat, dann ist das vor allem Ditto zu verdanken, die den mitunter zu offensichtlich in Richtung Tanzboden schielenden Stücken des neuen Albums eine gewisse Klasse verleiht. Zwar geht Ditto bei ihren Auftritten mittlerweile auch etwas ökonomischer zu Werke, verzichtet also auf die komplette Hingabe, doch ihr körperlicher Einsatz ist dem anderer Sängerinnen noch immer weit voraus. Ditto rockt das Haus mit jeder Körperzelle und verzichtet auch nicht auf den fast schon obligatorischen Gang durchs Publikum, während sie jenen famosen Song kreischt, mit dem Gossip der Durchbruch gelang, „Standing in the Way of Control“.

Hier war die Stadthalle einem Festzelt gleich, wo der rumpelnde Sound der mit einem Bassisten verstärkten Band sicher auch seine Liebhaber finden würde. Da wären übrigens auch Beth Dittos Koketterien mit der deutschen Sprache bestens aufgehoben, die ihr zwar eine vorzügliche Kopfnote im Fach Charme, aber sonst eher fragende Blicke bescheren würden. Vielleicht wollten Gossip sich aber auch in der Kunst des Absurden üben, als sie etwa den Schlager „Guten Morgen, liebe Sorgen anstimmten oder gleich ein eigenes, Offenbach gewidmetes Lied anstimmten, das aus der erhellenden Zeile „Offenbach besteht aus Fleisch und Milch“ bestand.

Zitaten von „Billy Jean“ bis „Lady Marmalade“

Für die Disco mag dieser Song weniger taugen, im Gegensatz zu den vielen Zitaten von „Billy Jean“ bis „Lady Marmalade“, die Ditto während des achtzigminütigen Konzerts in die Gossip-Songs einpflegte und die noch eher als eine durchschnittliche Cover-Version von Tina Turners „What‘s Love Got To Do With It“ die Richtung vorgeben, in die Gossip nun schreiten werden.

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