Globetrotter an den Tasten

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Ein Virtuose mit Hang zum Kabarett: Joja Wendt serviert Unspielbares locker vom Hocker – und steuert meist noch eine Pointe bei.

Viele fangen mit dem Flohwalzer an. Joja Wendt stieg mit dem berühmten „Entertainer“ ein, nach dem Gehör gespielt – ganz schön happig für einen Sechsjährigen, der gerade ein paar Klavierstunden absolviert hat. Von Klaus Ackermann

Fortan gehört seine große Liebe den schwarzen und weißen Tasten, die er auf ungewöhnliche Weise traktiert. „Das Beste am Klavier“ heißt sein neues Programm, mit dem der klimpernde Globetrotter am Freitag um 20 Uhr im Großen Saal der Alten Oper gastiert. Ein Pianist, der zwischen Boogie Woogie, Jazz und Klassik phänomenal improvisiert und die gewisse kabarettistische Note einbringt.

„Das Konzert hat viel mit meiner Biografie zu tun“, sagt Wendt, ein grundsympathischer Typ, ein Jazzer eben, der auch im Gespräch von den Tasten nicht lassen kann. Quer durch die Klavier-Genres will der gebürtige Hamburger, dessen Mutter, eine Gesangsdozentin, ihm die Liebe zur Musik einimpfte, an seine klavieristischen Wurzeln erinnern. Die liegen allemal im Boogie-Spiel, von Heroen der 1940er Jahre wie Meade Lux Lewis oder Jazzern wie Teddy Wilson, Oscar Peterson oder Dave Brubeck („Take Five“) beflügelt. Vor allem Art Tatum hatte es ihm angetan, der mit vier Händen den Flügel zu traktieren schien.

Fortan versuchte Wendt, der auch gegenüber Pop und Rock keine Berührungsängste kennt, zu beweisen, dass Geschwindigkeit an Klaviertasten keine Hexerei ist. Dazu bedarf es natürlich einer gründlichen Ausbildung, die er am Richard-Strauss-Konservatorium in München und an der New Yorker Manhattan School Of Music empfing und die ihn auch in die Lage versetzt, schier Unspielbares locker vom Hocker zu bringen. Wie etwa die „Carmen-Fantasie“ des legendären Virtuosen Vladimir Horowitz, die Wendt noch mit weiteren Arien improvisatorisch bestückt. Oder jene Kurzversion von Gershwins „Rhapsody in Blue“, die der Klavierzauberer mit dem Rücken zum Flügel probiert. Denn der Tausendsassa schätzt die gewisse Show, plaudert zudem gern aus dem Nähkästchen oder über Wissenswertes rund ums Klavier.

„Wir waren neun Kinder daheim. Da spielte Kommunikation eine große Rolle“, erklärt Wendt seine komödiantische Ader. Der verdankt er zudem eine Einladung zu der chinesischen Ausgabe von „Wetten, dass …?“ im Juli dieses Jahres, bei der er seinen „Ping Pong Song“ abzog: Zwei Tischtennis-Ex-Weltmeister gaben den Shuffle-Rhythmus auf dem geschlossen Flügel vor – und am Ende griff der Pianist, ein leidenschaftlicher Tischtennis-Spieler, sogar selbst mit einer Hand zum Schläger.

Auch ein Eskimo-Lied hat Wendt im Repertoire – mit den Fäusten auf den schwarzen Tasten zu spielen. Bei solch Vielseitigkeit (selbst Filmmusik hat er komponiert) ist die Frage, wann er seine erste Sinfonie schreibe, wohl zwangsläufig. „Habe ich längst“, schmunzelt das Klavier-Ass: eine „Zwergen-Sinfonie“, für den Film „Männer allein im Wald“ des ostfriesischen Witzbolds Otto Waalkes. Darüber spekulierend, welche Töne auch in 100 Jahren noch gehört werden, sagt der Multi-Stilist: „Jede Musik, die deutlich kreative Anstöße gibt. Mit Sicherheit die der Beatles und Jazz, aber auch HipHop, weil mit den technischen Mitteln der Zeit gemacht.“

Sein erstes Klavierstück hatte Joja Wendt längst vergessen. Deshalb überlegt er laut, den „Entertainer“ ins neue Solo-Programm einzubauen. Auch darauf darf man gespannt sein.

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