Das Glück der späten Jahre

Frankfurt - Alles ist ganz klassisch, die Musik, die Show. Bevor Charles Bradley auf die Bühne kommt, legt nach altem Brauch erst einmal die Band mit einer deftigen instrumentalen Nummer los. Von Sebastian Hansen

Sie besteht aus famosen jungen Musikern, die mit allen Wassern von Steve Cropper, Maceo Parker & Co, den Cracks um die Stars der sechziger Jahre also, gewaschen sind. Das Klangbild ist satt, die Dynamik federt lässig kraftvoll. Das Publikum jubelt, gleich zu Anfang des Konzerts in der gut besuchten Frankfurter Batschkapp.

Und dann erst Charles Bradley! Auf einmal schließlich doch noch: der große Erfolg – das ist die Geschichte hinter dem grandiosen Soulmann. Ähnlich wie vor ihm schon Sharon Jones hat ihn erst die Retrosoulwelle hochgespült, 2011 hat er mit 62 Jahren sein Debütalbum „No Time For Dreaming“ herausgebracht, das Leid seines bisherigen Lebens hat er darin aufgearbeitet: elternlos aufgewachsen, endlos getingelt, dazu erbärmliche Gelegenheitsjobs, zuletzt ist er als James-Brown-Imitator aufgetreten, weit unter Wert. Das ist jetzt alles vorbei und anscheinend auch bewältigt, „I’m gonna have a funky good time“, lautet nun die Devise, mit den Songs von seinem zweiten Album „Victim of Love“ tritt uns nun ein gelöster Charles Bradley entgegen.

Ein begnadeter Sänger und Showmacher ist das, im weißen Anzug mit Glitzerbesatz an Revers und Gürtel tritt er auf, mit weit ausholenden Gesten trägt er seine Songs vor. Der kehlige Gesang kommt tief aus dem Mark heraus, von Zeit zu Zeit bricht der Bariton in lang ausgehaltene Falsettschreie aus. Für die Bühnenversionen haben Charles Bradley und sein – weißer - Produzent Thomas Brenneck die psychedelischen Effekte gestrichen, mit denen sie auf dem neuen Album aufwarten. Das ist zwar schade, daran, dass es sich um einen fulminanten Auftritt gehandelt hat, ändert es aber nichts.

Die Musik knüpft an den rauen Memphis-Sound um das Label Stax an, nicht an die polierten Oberflächen des in Detroit ansässigen Antipoden Motown. Es gilt das digitale Reinheitsgebot von Daptone Records, der Heimat des Sounds von Amy Winehouse und Sharon Jones. Alles ist ganz klassisch – nostalgisch wirkt es nicht. Dafür ist diese Musik, dafür ist dieser Mann viel zu vital.

Rubriklistenbild: © dpa

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