Größenwahn und Selbstironie

„Schau ihn an, es ist wahr, da steht Bingo-Bela-Superstar“ – wenn Bela B. sich eine Auszeit von seinem lukrativen Hauptberuf gönnt, um zum zweiten Mal in drei Jahren auf Solopfaden zu wandeln, wird Satire groß geschrieben. Von Ferdinand Rathke

Als vor drei Jahrzehnten selbst ernannter Spaßvogel der jungen deutschen Punk-Szene bleibt der Schlagzeuger der lebenden Pop-Legende Die Ärzte beim Gastspiel im nicht ausverkauften Offenbacher Capitol ganz der Alte – auch wenn er stoisch am Repertoire seiner Alben „Bingo“ und „Code B“ klebt und die Zwischenrufe nach dem einen oder anderen Ärzte-Klassiker schlicht überhört.

Anständige Portion gespielten Größenwahns

Wenn der Gelegenheitsschauspieler im schwarzweiß gestreiften Anzug die Las-Vegas-Treppe königlich zu den Klängen von „Rockula“ herab schreitet, bleibt kein Auge trocken. Eine anständige Portion gespielten Größenwahns muss es schon sein, um sich vor liebevoll hergerichteter Kitschkulisse zünftig in Szene zu setzen. Das Quintett Los Helmstedt sorgt dafür, dass der als Sänger und Gitarrist eher mittelmäßig talentierte Bela B. einen kompetenten Eindruck hinterlässt.

Durchweg selbst komponiertes Material erweist sich im Laufe zweier kurzweiliger Stunden als von handwerklich solider Qualität. Gespielt mit jenem Quäntchen Leidenschaft, das vielen deutschen Bands noch fehlt. In schmissigen Arrangements reanimiert Bela B. Genres der Pop-Historie wie Rockabilly, Beat, Surf und Garagen-Punk mit den Mitteln der Gegenwart: In „Der Vampir mit dem Colt“ karikiert der 46-Jährige sein Lieblingsthema Blutsauger. Bei „1. 2. 3.“ gerät die Interaktion mit dem Publikum schon fast an den Rand einer Musikantenstadl-Parodie. Im „Zappingsong“ wird rigoros gefordert, den Fernseher doch aus dem Fenster zu werfen. „Altes Arschloch Liebe“ empfiehlt sich als Herzschmerz-Variante der etwas anderen Art.

Dialog zwischen Auditorium und Bühne

Wie schon von den Ärzten gewohnt, spielt der mitunter hanebüchene Dialog zwischen Auditorium und Bühne eine große Rolle, der die Keyboarderin Paule Klink, Schlagzeuger Danny Young, Standbassist Holly Burnette sowie die Gitarristen Olsen Involtini und Gary Schmalzl einbezieht. Non-Stop-Nonsens im Quadrat, von einem der ältesten Teenager Deutschlands in meisterlicher Vollendung zelebriert – so etwas kann man nicht lernen!

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare