Große Reise durch klangliche Galaxien

Länderspiel-Spannung gibt es schon vorab, wenn das deutsche Weltklasse-Orchester Frankfurt die Ehre erweist. Und mit sinfonisch gewichtigen Glaubensbekenntnissen von Olivier Messiaen und Anton Bruckner rechtfertigten die Berliner Philharmoniker wieder einmal alle Vorschusslorbeeren. Deren Chefdirigent Sir Simon Rattle entführte in ferne klangliche Galaxien.

Wahrlich ein Mann mit Charisma – der sich freilich am Pult in Szene zu setzen versteht: Spätestens beim Adagio der Neunten des Spätromantikers Bruckner kam Gänsehaut-Stimmung im ausverkauften Großen Saal der Alten Oper auf.

Erstaunlich, welche Frische und Modernität das 1964 uraufgeführte „Et exspecto resurrectionem mortuorum“ („Und ich erwarte die Auferstehung der Toten“) heute noch abstrahlt. Der im 20. Jahrhundert verwurzelte Neutöner hatte vom damaligen französischen Dichter und Kulturminister André Malraux den Auftrag bekommen, ein Werk zum Andenken an die Toten der Weltkriege zu komponieren. Für den gläubigen Katholiken Messiaen, Natur und Kreatur ebenso zugewandt wie der kompositorischen Reihentechnik und fernöstlichen Tönen, ist die Auferstehung Kern seines Stücks für 18 Holz- und 16 Blechbläser sowie sechs Metall-Schlagwerker, das zwischen Bangen und Hoffen Gottes Herrlichkeit „im freudigen Konzert der Sterne“ auf vielen Ebenen feiert.

Die an diesem Abend stark beschäftigten, dunkel und in greller, jazzig angerissener Schärfe tönenden Blechbläser sind von Anbeginn an Wegbereiter einer machtvollen Prozession. Magische Vogelschreie scheinen die solistisch geforderten Holzbläser zu artikulieren. Ein apokalyptischer Heiligengesang, der in eine Art kosmischen Choral mündet, bei dem der weit schwingende Riesengong wie das flüsternde Echo einer Chor-Armada anmutet. Simon Rattle und seine hochmotiviert, aber auch in dichter Cluster-Ballung immer glaubwürdig aufspielenden Philharmoniker zeigen die Härten dieses sperrigen Klangstoffs auf, beschönigt wird da beileibe nichts. Und laut ist’s allemal.

Ein unerbittlicher Druck, der selbst Bruckners klangliche Paradiese an die Grenzen der Tonalität führt. Der hat seine Neunte (in der Beethoven-Tonart d-Moll) „dem lieben Gott gewidmet“. Kann man sich den Urnebel, aus dem sich gewaltige Themen entwickeln, noch geheimnisvoller vorstellen, so steht man im Bann der mächtigen orchestralen Ströme, die Rattle in zwingender Dynamik zu kanalisieren versteht, dessen Dirigierhand immer ruhiger wird, wenn das Orchester brüllt. Und der im höllischen Scherzo-Tanz mit dem betonten Streicher-Pizzikato Holzbläser-Mixturen entdecken lässt, die man Bruckner nie zugetraut hätte.

Ideal zurückgenommen ist auch der weihevolle Gesang der Tuben im Adagio dieser Unvollendeten, ein zum Himmel strebender Hymnus, der final an Richard Wagners „Karfreitagszauber“ aus dem „Parsifal“ gemahnt. Abseits vom viel beschworenen Sound mancher Orchester entwickeln Rattle und die Berliner darin eine gestalterische Intensität, die noch in den Zäsuren – den Generalpausen – atemlos macht.

Ein glatter Auswärtssieg der Berliner, begeisterter Beifall für die Weltbestmarke. Deren geneigte Zuhörerschaft in der Alten Oper dürfte schon bald auf Entzug sein; voraussichtlich bis zum nächsten Jahr ... KLAUS ACKERMANN

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