Aus großem Füllhorn der Volksmusik

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Spiellaune war Programm beim Konzert der hr-Sinfoniker mit Geigerin Janine Jansen.

Seine Spiellaune war Programm und wirkte ansteckend: Mit ungarisch-tschechischem Schwerpunkt präsentierte sich das hr-Sinfonieorchester beim Rheingau Musik Festival im Kurhaus von Wiesbaden.  Von Klaus Ackermann

Aus dem Füllhorn der Volksmusik schöpften Zoltan Kodaly, Bela Bartok und partiell auch Antonin Dvorak, deren Werke ein mit slawischem Klang-Akzent eng Vertrauter zum konzertanten Erlebnis werden ließ: Chefdirigent Paavo Järvi hatte sich der Mitarbeit einer großartigen niederländischen Geigerin versichert. Und Janine Jansen verblüffte prompt mit technischer Präzision, Klangschönheit und stilistischem Einfühlungsvermögen.

Nicht erst seit Anne-Sophie Mutter ist die Violinkunst eine Domäne der Frauen. Dabei vertrauen so viele auf eine Stradivari, dass man langsam am Seltenheitswert dieser legendären Geigen zweifelt. Jansen brilliert auf einer „Barrere“ von 1725, wie maßgeschneidert für das emotional hochwertige Spiel der Solistin, die in den Dialogen mit den hr-Sinfonikern wie auf dem Sprung wirkt.

Bartoks unerschöpflicher melodischer Reichtum beflügelt schon den Eingangssatz des Violinkonzerts von 1908 mit einem Solo, das Jansen wie auf Millimeterpapier vermisst, bei den dramatischen Wenden dem schaurig schönen Orchesterklang zugeneigt und noch im dreifachen Pianissimo die Spannung haltend.

Heißer Tanz mit Piccolo-Pfiff

Bizarrer ist die Thematik des Allegro giocoso, von der Meistergeigerin virtuos aufgezäumt und vom Orchester rhythmisch kraftvoll unterfüttert. Mittendrin eine folkloristisch gegründete Harfen-Idylle, jedoch alsbald von konzertanter Realität eingeholt, einem heißen Tanz mit Piccolo-Pfiff. Als Starkstrom-Geigerin erweist sich Jansen selbst in Bartoks Rhapsodie Nr. 1, die folkloristische Milde klangvoll aufladend und rhythmisch nahe am temperamentvollen Csardas. Allemal ein Plädoyer für Bartok – und für diese spannende Verbindung zweier Werke für Violine und Orchester.

Vorausgegangen ist das Konzert für Orchester des Bartok-Freundes Zoltan Kodaly, dessen ungarischer Volkston in barock anmutenden Formen gebändigt scheint, mal heftig rhythmisch angerissen, mal als satter Bläserchoral, mal als düsteres Panorama der dunklen Streicher und mit effektvollem Schluss.

Schon da vereint Järvi die orchestralen Sektionen zum elastisch fließenden Strom, noch beweglicher in Dvoraks Sinfonie Nr. 7 d-Moll mit ihren Herzschlag-Impulsen zwischen seelischem Leidensdruck und glühender Schwärmerei. Mit einem folkloristisch getönten Scherzo von hohem tänzerischen Drehmoment und der dramatischen Wende zum finalen Dur, die wie von einer mächtigen Kirchenorgel vollzogen scheint.

Den unerwarteten Zugaben-Reigen eröffnet Järvi, der immer auch das musikalisch Hintergründige im Sinn hat, mit dem Ungarischen Tanz Nr. 6 von Brahms in Kurkapellmeister-Manier, offenbar angeregt vom Konzertort. Und selbst den viel strapazierten, fein angestimmten „Valse triste“ von Sibelius kann man dem hr-Chefdirigenten kaum übel nehmen.

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