Großes in der kleinen Form

Es ist sensationell, wer sich auf Initiative des Waldheimer Barockfagottisten Arie Hordijk in der Rumpenheimer Schlosskirche einfindet. Mit Meinderd Zwart war ein international bekannter Altus-Sänger zu bestaunen, der einige Stunden später auf BR 3 Zoltan Spirandellis Film „Und führe uns in Versuchung“ stimmlich untermalte. Von Reinhold Gries

Begleitet vom Schweriner Domkantor Jan Ernst an der Voigt-Orgel war das ein Genuss, zumal dieser die schönen Registerfarben der Denkmalorgel ins beste Licht rückte.

Das beeindruckendste Register war Zwarts Stimme, glockenhell und weich, ohne Probleme von der Altlage bis in Sopranhöhen kletternd. Das gelöst wirkende Falsett konnte kraftvoll und dynamisch in schwierigste Koloraturen steigen und in Bach-Arien wie „Bist du bei mir“ oder „Schlummert ein, ihr matten Augen“ zu Tränen rühren.

Wie im Film ließ der in Indonesien geborene Niederländer einen barocken Ohrwurm nach dem anderen vorbeiziehen: Paul Gerhardts „Auf, auf, mein Herz, mit Freuden“ und das bekannte „Jesus, unser Trost und Leben“, Lieder aus dem von Johann Sebastian Bach bearbeiteten „Musicalischen Gesangbuch“ des Zeitzer Schlosskantors Schemelli, dann drei „Kleine geistliche Konzerte“, von Heinrich Schütz im Dreißigjährigen Krieg komponiert. Zwart und sein einfühlsamer Begleiter fingen die verinnerlichte Trotzdem-Stimmung des „Ich will den Herrn loben allezeit“ und „O süßer, o freundlicher“ derart authentisch ein, dass Wortgesten zu stimmigen melodischen Abbildern wurden. Schützens nachdenkliche wie elegische Texte und „Alleluja“-Refrains gerieten zur Himmelsmusik.

Dazwischen platzierte Ernst herrliche Orgelstücke: machtvoll Bachs Choral „Christ lag in Todesbanden“ mit dem Cantus firmus im Sopran, in flinken Läufen das ebenfalls aus Bachs Orgelbüchlein stammende „Entstanden ist der heilig Christ“, in Mittelstimmen und Bass das Auferstehungsmotiv durchklingen lassend. Nach Johann Adam Reinckens Flötenwerk-Kabinettstück „Fuga in g-Moll“ ließ der Kantor eine frühklassische Orgelsonate von Carl Philipp Emanuel Bach folgen, in drei Sätzen zwischen kristallklaren Melodielinien, verinnerlichten Klangmeditationen und elegant ornamentiertem Finale pendelnd.

Zur Krönung seiner Weltklasse-Darbietung griff Zwart ins „Notenbüchlein für Anna Magdalena Bach“, deren großartige Orgelstücke, Rezitative und Arien nicht alle aus der Feder ihres Gatten stammen. „Gib dich zufrieden und sei stille“ wirkte edel, „Gedenke doch, mein Geist zurücke“ nachdrücklich. Bachs „Erbauliche Gedanken eines Tabakrauchers“ tanzte Zwart ebenso aus wie Ernst tänzerische Menuette und Polonaisen auf dem Orgelmanual. Zwarts Bach-Rezitativ „Ich habe genug“ und Stölzel-Arie „Bist du bei mir“ weckten Sehnsucht nach mehr dieser kleinen Musikformen. Was das deutsch-niederländische Duo bot, war zum Dahinschmelzen!

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