„Take Death“ in der Alten Oper uraufgeführt

Großjungenhaft böse

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Die alte Oper in Frankfurt.

Frankfurt - Da ging’s lang: „Gute Musik“, sagt Bernhard Gander, „soll mir die Schädeldecke wegfetzen“. Für sein jüngstes Stück hat sich der 1969 in Osttirol geborene Komponist als Impuls Igor Strawinskys Ballettmusik „Le Sacre du Printemps“ vorgenommen. Von Axel Zibulski

„Take Death“, von Gander für 20 Instrumente und Elektronik geschrieben, erlebte in einem Konzert des Ensemble Modern seine Uraufführung. Und stand dabei natürlich in Bezug zum Thema des aktuellen „Musikfests“ in der Alten Oper Frankfurt, die zurzeit Strawinskys exakt 100 Jahre alten Moderne-Klassiker ins Zentrum ihres Programms rückt.

Das Ensemble Modern stellte Ganders „Take Death“ unter der Leitung des ehemaligen Ensemble-Hornisten Franck Ollu im Großen Saal der Alten Oper zur Diskussion: Zwei Werkteile in einer halben Stunde: Formal erinnerte Ganders hier uraufgeführtes Stück an Strawinskys „Sacre du Printemps“, an die „Bilder aus dem heidnischen Russland“.

Fordernde erste Hälfte

Nur darf sich, so will es der Komponist, bei ihm die geopferte Jungfrau an ihren Peinigern rächen. Da gibt’s in den Unterabschnitten einen „Massaker-Plan“, einen „Folter-Priester“, gar die „Ausnehmung Igors“, Herrn Strawinskys also, höchst selbst. Das ist weder appetitlich noch musikalisch besonders ergiebig, will ganz großjungenhaft böse klingen. Schließlich stampften und wummerten über allem die elektronischen Klänge, die Patrick Pulsinger, ein in Wien lebender Produzent und Elektronikmusiker, live steuerte.

Weit stärker forderte die erste Hälfte des kompakten Programms die musikalische Kompetenz des Ensemble Modern: Die 1931 vollendete „Ionisation“ von Strawinskys Zeitgenossen Edgard Varèse gilt als das erste Schlagzeug-Werk der Musikgeschichte, das ohne jedes tonhöhenvariable Instrument auskommt.

Fünfminütiger Rausch der Rhythmen

Allein, wie das Ensemble Modern dieses Stück in der Besetzung mit 13 Perkussionisten zu einem fünfminütigen Rausch der komplexen und verschränkten Rhythmen führte, ging im Gehalt weit über die spätere Uraufführung hinaus. Und auch das Ballet mécanique“ des 1900 geborenen US-Amerikaners George Antheil sollte sich dank der großartigen Leistung des Ensemble Modern wie seines Dirigenten Franck Ollu als jener viertelstündige Schock übertragen, der in der hier gespielten, 1953 entstandenen Letztfassung für vier Pianisten und zwölf Schlagwerker zwingend zu erleben ist. Dabei korrespondierte das äußerlich virtuose Heißlaufen der Instrumente frappierend mit absoluter inhaltlicher Kälte und das Maschinenhafte und das Archaische setzten sich wie zu einer hässlichen Fratze zusammen.

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