Gustav Mahler

Grandioser Weltentwurf

Frankfurt - Auf Gott und vor allem die Welt zielen Gustav Mahlers sinfonische Panoramen. Seine dritte Sinfonie hält die Zuhörer beim Frankfurter Museumskonzert in Atem. Von Klaus Ackermann

So ist auch die Dritte in d-Moll des Spätromantikers, der das Tor zur Moderne weit aufstieß, ein Seismograph des Irdischen und Überirdischen, deren Weltentwurf beängstigt, wie er hoffnungsvoll stimmt. Beim Museumskonzert in Frankfurts Alter Oper hat sich Sebastian Weigle, Chef des Opern- und Museumsorchesters, der schier allmächtigen Sinfonie angenommen und mit Holz- und Blechbläsern in Bestform für spannende Minuten gesorgt.

Erstmals kooperiert die Frankfurter Hochschule für Musik und Darstellende Kunst mit dem Orchester bei einem Museumskonzert. Der Frauenchor wurde Hochschul-intern, die Instrumentalstudenten bei 50 Probe-Vorspielen von den Orchester-Mitgliedern ermittelt. Davon profitieren alle: Das Museumsorchester muss für dieses Opus Magnum keine zusätzlichen Musiker verpflichten – und die jungen Leute werden sogar in schwierigen Instrumentalsektionen wie etwa Hörner und Trompeten umsichtig eingesetzt, was keinerlei Abstriche an Weigles Ideallinie in Sachen Mahler bedeutet. Die Hohe Zeit der Hörner beginnt schon im ersten Satz, von Mahler einmal mit „Pan erwacht. Der Sommer marschiert“ überschrieben. Doch in die Aufbruchsstimmung mischen sich auch gefährliche Bläserzacken.

Träume und Alpträume

Die gewaltige Bergszenerie am österreichischen Attersee, wo Mahler die Dritte in sommerlicher Einsamkeit niederschrieb, erweckte nicht nur Träume, sondern auch Alpträume. Was durch triviale liedhafte Schlenker kompensiert wird.

Zinnsoldaten scheinen da zu paradieren, von Weigle klanglich sachlich auf den Weg gebracht. Das Tempi di minuetto des zweiten Satzes wird zu einem delikaten Ländler aufgezäumt. Doch selbst das unbeschwerte Stimmungsbild (Mahler hatte eine Blumenwiese im Sinn) deutet bei flirrenden Streichern auch Untiefen an.. Zu schön, um wahr zu sein, ist dagegen das Scherzando mit der Trompetenmelodie aus dem Off, mit instrumentalen Intermezzi, als gelte es eine „Stubenmusi“ sinfonisch zu adeln.

„Alle Lust will tiefe, tiefe Ewigkeit“, sagt Friedrich Nietzsche in „Also sprach Zarathustra“ – und Mahler unterstreicht das in einem Alt-Solo, für das Weigle alle Zeit der Welt hat, den beschwörend dunklen Gesang von Maria Radner in eine geheimnisvolle Nachtstimmung mit spukenden und klagenden Holzbläsern bettend.

Ohne Umschweife geht es über in die naiv frommen Worte aus „Des Knaben Wunderhorn“, von Altstimme und Frauenchor engelsgleich artikuliert. Und vom „Bim-Bam“ des Kinderchores Frankfurt ein- und ausgeläutet, ehe das Adagio einsetzt, Sphärenmusik in sattem Streicher-Chroma, ausdrucksinnig artikuliert, ein starkes Stück Mahler, von Weigle und dem glanzvollen Blech des Opern- und Museumsorchester final in einen glühenden Hymnus überführt, bei dem eine Riesenorgel zu spielen scheint – für Gott und die Welt.

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