Ein guter Ruf verpflichtet

Die Sächsische Staatskapelle Dresden zählt zu den Spitzenorchestern der Welt. Der gute Ruf verpflichtet, auch beim Gastspiel in Frankfurt mit dem estnischen Dirigenten Neeme Järvi.  Von Klaus Ackermann

Dieser verwies in Werken von Beethoven und Richard Strauss auf die Stärken der Sinfoniker, deren Kompaktklang von hohem Wiedererkennungswert ist. Der Patriarch der Dirigenten-Familie ist ein Maestro, der nichts mehr beweisen muss. Schon im „Tanz der sieben Schleier“ der Oper „Salome“ von Strauss schöpft Järvi in den Ressourcen der Staatskapelle, wie er die bizarren Bläser-Zacken und orientalischen Wendungen einer rauschhaften „Entblätterung“ fixiert, die ihr Ziel hat, den König zu stimulieren, dass er der teuflischen Prinzessin den Kopf des Propheten auf dem Tablett serviert. Das tönt so modern wie selten.

Dagegen sorgt die Staatskapelle in der Walzerfolge aus dem „Rosenkavalier“ für einen süffigen, sinnenfrohen Reigen schöner, aber auch tölpelhafter Geister mit dem breit ausgespielten Dreivierteltakt-Ohrwurm um den gefoppten Baron Ochs im Zentrum. Große Oper dann im Terzett des letzten Akts, wenn die Marschallin (Melanie Diener) mit bittersüßem Sopran Verzicht übt und ihren Liebhaber Octavian freigibt für die reizende Sophie – Bernarda Fink (Mezzo) und Genia Kühmeier (Sopran) versichern sich ihrer Liebe in einem schlichten, herzergreifenden Duett. Das kommt orchestral (mangels Graben) zwar sehr direkt rüber, doch die Sängerinnen halten intensiv dagegen.

Hymnisch kommt selbst die Zugabe daher

Nie war die Pause so wertvoll. Folgt doch auf Straussens Liebeswehen Beethovens „Eroica“, von großem Orchester zelebriert, das ungemein diszipliniert zur Sache geht. Wer genug hat von den schroffen Kontrasten der „historischen“ Musizierpraxis, die oft nur Beethovens cholerisches Temperament im Blick hat, erlebt reine sinfonische Labsal. Wie Järvi den Dresdner Klangsamt ausbreitet, wie er die geradlinige Es-Dur-Spannung hält oder das elegische e-Moll lockt, das hält in Atem.

Ein nachhaltig ausgesungener Trauermarsch, der geisterhaft huschende Streicher-Rhythmus des Scherzo mit seinem Trio, von den drei Hornisten so erwärmend artikuliert, als hätten sie die Romantik erfunden: Dass weniger mehr sein kann, zeigt Järvi vor allem an den spannenden Nahtstellen der Sinfonie. Das ist Klassiker-Pflege mit Weitblick. Hymnisch kommt selbst die Zugabe daher – das „Andante festivo“ von Jean Sibelius.

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