Händels Kult-Werk vom Pomp befreit

Eberbach - Dass vor der Aufführung noch ein heftiger Gewitterregen hernieder prasselte, hätte dem barocken Meister Georg Friedrich Händel sicher gut gepasst. Von Klaus Ackermann

Beim Rheingau Musik Festival theatrales Vorspiel für den „Messias“, Heilsgeschichte um Geburt, Tod, Auferstehung und gläubige Zuversicht auf ein ewiges Leben.

Waren zum 100. Geburtstag des barocken Meisters 1784 noch 500 Musiker und Sänger in Londons Westminster Abbey fürs britisch vereinnahmte Kult-Oratorium versammelt, so erzielt die nordwestdeutsche Fusion aus NDR Chor, Concerto Köln und hochkarätigen Gesangssolisten in der Basilika des Klosters Eberbach mit weitaus geringerem Personal hohe Wirkungsgrade. Zumal die vom uneitel dirigierenden Verbinder Philipp Ahmann genutzte historische Klangforschung in der von Pomp befreiten, kammermusikalisch klaren Mozart-Bearbeitung eine äußerst lebendige Wiedergabe beförderte.

Schon die Overtura mit ihrem festlichen, vibratolosen, silbrigen Streicherton und den beweglichen Stimmfigurationen scheint in der satten Akustik des Kirchenschiffs wie aus einer anderen Welt. Dabei ist das Concerto Köln auf Ausdrucksdichte, rhythmische Verve und Elastizität bedacht, in harmonischer Einheit mit den anheimelnde Orgelmixturen schaffenden „historischen“ Holz- und auch energisch dreinfahrenden Blechbläsern. Wie der improvisationsfreudige Cembalist ebenfalls gut vernetzt mit dem NDR-Chor, in Frauen- und Männerstimmen ideal durchmischt und ins Ritual von Orchester-begleitetem Rezitativ und Da-capo-Arie dramatische Impulse einbringend. Dezent zurückhaltend, aber in den choralartigen Passagen insistierend beim Chor der Chöre, dem „Halleluja“-Jubel, angelsächsischer Nationalhymnen-Ersatz.

„O Du, die Wonne verkündet in Zion“

Bei Händels geradlinigem Melos nimmt es kaum Wunder, dass gerade im „Messias“ mit seinem alttestamentarischen Verkündigungen, den Evangelistenberichten und den zwischen Hoffen und Bangen schwebenden Kommentaren des Christenvolks auch so mancher Hit haftet. Etwa die Alt-Arie „O Du, die Wonne verkündet in Zion“, die Gerhild Romberger mit elastischen Koloraturen ausziert. Eine Stimme, die in den dunklen Momenten dieser Oratorien-Heilslehre an Größe gewinnt.

Während die Opern-erprobte Sopranistin Ruth Ziesak ihre frohe Botschaft etwa in „Er weidet seine Herde“ liedhaft-empfindsam artikuliert, die Koloraturen wie glitzernde Perlen einer wertvollen Kette. Zu den raren Oratorien-Tenören, die ihre kernigen Stimmgaben nicht unter Verschluss halten, gehört der Münchner Werner Güra, prädestiniert fürs jauchzende Frohlocken der gläubigen Seele. Und dann ist da noch ein Bassist, der seine stimmliche Spannkraft körperlich abzustützen scheint. Beim Fischer-Dieskau-Schüler Hanno Müller Brachmann sind die Koloraturen Emotion pur, ein druckvoller Händel-Sänger, aber auch im Arien-Aufruhr („Warum entbrennen die Heiden“) immer kontrolliert. Ein anspruchsvoller, aber wahrlich kein verlorener Donnerstagabend. Das sehen Fans des deutschen Fußballs sicher anders.

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