Hänsel und Gretel rocken

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Mehr als drei Jahrzehnte hat Richard O’Briens Erfolgs-Musical „Rocky Horror Show“ schon auf dem Buckel. Und kann noch immer taufrisch klingen, wenn es mit genügend Herzblut auf die Bühne gebracht wird. So wie in der Frankfurter Alten Oper, wo die von Sam Buntrock inszenierte englischsprachige Produktion Station macht. Von Carsten Müller

Die Premiere wurde stilecht und unter großem Jubel begangen, unter anderem von einer bunt kostümierten Schar Drag Queens, bewaffnet mit Wasserpistolen, Konfetti, Zeitungen, den üblichen Requisiten eben, die mancher im Rundum-sorglos-Paket mitgebracht hatte.

Noch bis 19. April in der Alten Oper Frankfurt.

Zur Euphorie gab es allen Grund, denn die Neuproduktion der „Rocky Horror Show“ wartet mit spielfreudigen Musikern und Schauspielern auf, ist zudem in den wichtigen Rollen darstellerisch und stimmlich hervorragend besetzt. Rob Morton Thomas hat absolutes Frank’n’Furter-Format und das enthusiastische Publikum von der Bühne aus fest im Griff. Chris Ellis-Stanton und Ceri-Lyn Cissone zeigen als Brad und Janet außerordentliches Slapstick-Talent. Riff Raff hat im hoch aufgeschossenen, ein wenig linkisch wirkenden Stuart Matthew Prince einen idealen Darsteller, und Maria Franzén (Magenta) zeigt viel von ihrem reichlich vorhandenen Temperament. Zwar entspricht Martin Semmelrogge so gar nicht dem Erzähler-Ideal, aber auch er bringt eine eigene Farbe in die Inszenierung.

Impressionen zur Rocky Horror Show

Rocky Horror Show in Frankfurt

Netzstrümpfe, Mieder und Federboas gehören zum turbulenten Spiel, als Uniform für beiderlei Geschlechter, ebenso ein liebevoll ausgestattetes Bühnenbild und wirkungsvolle Effekte, allen voran die Erschaffung des blonden, waschbrettbäuchigen Liebesroboters Rocky, von Andrew Gordon-Watkins mit dem nötigen Quäntchen Einfalt versehen.

Frank’n’Furter und seine Hausgeister sind erfreut über den unvorhergesehenen Besuch von Brad und Janet, die Riff Raff empfängt.

Was die Frankfurter Neuauflage lustvoll beweist: Die idealtypische Geschichte vom Zusammenprall amerikanischer Kleinbürgerlichkeit mit der sexuellen Revolution besitzt heute noch Sprengkraft, zumal in einer Inszenierung, die vor expliziten Szenen nicht zurückschreckt, wenn auch als unzüchtiges Schattenspiel hinter kaum verhüllenden Vorhangstoffen. Wo der androgyne Außerirdische das unbedarfte Pärchen vernascht, das sich als moderner Hänsel-und-Gretel-Verschnitt keiner bösen Hexe, sondern einer Horde Außerirdischer ausgesetzt sieht, die Sex, Drugs und Rock’n’Roll huldigen – und bald auch das Publikum im Großen Saal des Frankfurter Musentempels infiziert haben, das sich von dem kurzweiligen, auf den Punkt inszenierten Geschehen mitreißen lasst. Rock’n’Roll mag zwar ein alter Hut sein. Die „Rocky Horror Show“ aber ist nach wie vor ein zeitloses Vergnügen: „Let’s do the Time Warp again!“

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