Sprachmacht aus Offenbach

Haftbefehl dichtet in der Batschkapp

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Rapper aus Offenbach: Aykut Anhan alias Haftbefehl.

Frankfurt - An ihm ist derzeit nun wirklich kein Vorbeikommen: Babo, Hafti - Haftbefehl allüberall. Auch in der Batschkapp in Frankfurt, auf „Lass die Affen aus´m Zoo“-Tour. Von Peter H. Müller 

Der grimmige Offenbacher Straßenmusikant, mit bürgerlichem Namen Aykut Anhan, hat den Gangsta-Rap salonfähig gemacht und, auch wenn er polarisiert, irgendwie an den Mainstream angedockt. Was eigentlich, selbst wenn es unfreiwillig geschehen sein sollte, noch nicht besonders tragisch wäre. Aber plötzlich wird der 29-jährige Goldketten-Poet auch noch im Kultursender arte „Durch die Nacht …“ geschickt, in den größten Feuilletons gefeiert und von der „Zeit“ als „deutscher Dichter der Stunde“ hofiert. Ein seltenes Szene-Phänomen? Böse Ironie? Oder sind die so genannten Leitmedien endgültig nicht mehr zu retten? Nach seinem Batschkapp-Gig neigt man vor allem zu letzterer Diagnose.

Neulich hatte doch ausgerechnet der Bayerische Rundfunk mal eine brillante Idee, was man mit den vielen GEZ-Überschüssen so anstellen könnte: Flugs wurde also eine hochwissenschaftliche Studie in Auftrag gegeben, die den „Sprachschatz“ deutscher Rapper analysieren sollte. Das Ergebnis - so verblüffend wie bejubelt von all jenen Zeitgenossen, die im Haftbefehl-Textgut eine wuchtig authentische Sprachmacht entdeckt hatten: Im Wortschatz-Ranking , angeführt vom Friedberger Street-Rapper Kollegah, grüßt der „Babo“ (Szene-Sprech für „Chef“) nämlich nur ganz knapp hinter einem anderen großen Hessen-Literaten.

Rappen für die Offenbach-Post

Goethe verwendet im „Faust“ 2913 Worte - Haftbefehl rappt mit 2831 Vokabeln. Gut, die heißen zwar vorwiegend „Ficken“, Azzlack“, „Geld“, „Cho“ und „Bitch“ - aber das gängige Vorurteil, der HipHop verhunze die deutsche Sprache, sei damit ja wohl vom Tisch - so die Studie weiter. Nun tigert der ziemlich groß geratene Deutsch-Kurde aus dem Offenbacher Ghetto ein wenig Balu-haft gemütlich über die Batschkapp-Rampe und kauderwelscht etwas über einen Gangster aus der Chicagoer Prohibitionszeit, eine „Tommy Gun“ und: „Germany, ich fick´ dich in den Hals à la Drittes Reich!“.

Diese zweifellos idiotischen, aber durchaus nicht untypischen Zeilen stammen aus dem Stück „Lass die Affen aus´m Zoo“, das der aktuellen Tour auch den Titel gibt. Er prangt von einem DJ-Pult - über dem bekannten Signet, auf dem eine Hand eine Patrone hält. Daneben, vor den XL-Buchstaben „H.A.F.T.“, ein Schlagzeug-Arsenal, bedient von einem „Bruder“ aus der Babo-Clique. Und die Haftbefehl-Entourage ist üppig: Da sind zwei Jungspunde, die gleich zu Beginn unter Beweis stellen, dass die Sprechsing-Sache so ganz einfach doch nicht ist. Und da ist eine lange Reihe Azzlack-Kumpels wie Hanybal oder Milonair, die sich bei dieser irren Slang-Mixtur aus Deutsch, Englisch, Türkisch, Kurdisch, Hessisch und was sonst noch das Mikro ständig in die Hand geben.

Jay-Z und Kanye West in der Festhalle

Jay-Z und Kanye West in der Festhalle

In der Setliste: eine Art Best of mit Nummern aus dem aktuellen Album „Russisch Roulette“ („Saudi Arabi Money Rich“, „Engel im Herz, Teufel im Kopf“, „Ich rolle mit mei´m Besten“) und älteren Hits wie „Ja Ja Ve Ve“ oder dem fast schon zum Klassiker gehypten „Chabos wissen, wer der Babo ist“. Wobei, so ganz genau ist das selten auszumachen, denn meist versteht man hinter der mächtigen Sound-Kakophonie aus Beats, Drums, Sirenengeheul, Brachial-Hupen und sonstigem Krach nur Text-Bruchstücke. Musik im herkömmlichen Sinn geht natürlich anders. Sicher aber ist: Diese gereimte Musik-Verweigerung kreiselt stets um die ach so böse kriminelle Vergangenheit als Dealer, Macho-Gorilla und Ghetto-Gangster.

Solche von Kugeldampf umwölkten Geschichten sind das Haftbefehl-Kapital - und seltsamerweise werden sie von einem Publikum goutiert, in dem sich frisch herausgeputzte Girlies, jede Menge Hipster und eben ballonseidene Milieu-Jungs in trauter Fremdheit treffen. Ohne, dass auch nur ansatzweise Aggression in der Luft läge. Vielleicht muss man einen Halftbefehl-Gig wenn schon nicht als vorsätzlich überzeichnetes Klischee, dann einfach als die trendige Form eines neuen Eskapismus begreifen. Nach zwei Stunden verbalem Action-B-Movie lässt sich dann redlich abreagiert auch wieder ins wirkliche Leben zurückkehren - und in netter Runde über den „deutschen Dichter der Stunde“ philosophieren. Macht schließlich Kunst, der Babo - Ironie aus. Nein, begreifen muss man das alles wirklich nicht.

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