Marc Almond ohne Experimente im Offenbacher Capitol

Hang zum Melodram

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Nur leidlich gefüllt war das Capitol beim Konzert des Briten Marc Almond.

Die Stimme von Marc Almond klingt kräftiger und facettenreicher als zuvor, wenn der 52 Jahre alte Brite im leidlich gefüllten Offenbacher Capitol nach dem Motto „The Varieté 30 Years Anniversary Tour“ sich eine Retrospektive zum Jubiläum gönnt. Während Kollegen wie Culture Clubs Boy George, Duran Durans Simon Le Bon oder Spandau Ballets Tony Hadley nur krächzen oder auf Playback umgeschaltet haben, intoniert das ehemalige Teenager-Idol energisch souverän.

Mit kompetentem Quartett, dem auch Gitarrist Neal X angehört, einst Mitglied der Neo-Glam-Schocktruppe Sigue Sigue Sputnik, überwindet der in Schwarz gekleidete Sänger anfängliche Nervosität, die ihm einen Textausfall nach dem anderen beschert. Oder sind die souverän überspielten Aussetzer traurige Folgen von jahrzehntelangem Drogenmissbrauch mit Suchtkalibern wie Heroin? Mehr als einmal blickt Almond auf den bereitgestellten Schnellhefter. Beim 100-Minuten-Gastspiel mit kleinem Akustik-Set, gewohnter Hommage an Jacques Brel und Reminiszenzen an den Glam Rock mit „Trials Of Eyeliner“ sowie einem Auszug aus Lou Reeds Andy-Warhol-Tribut „Walk On The Wild Side“ wagt er keine Experimente.

Nach schwerem Motorradunfall 2004, Koma und langer Rekonvaleszenz samt Sprach- und Gesangsunterricht bleibt die lückenhafte Erinnerung sein Problem. Nichts geändert hat sich an Almonds Affinität zu Melodramen wie „Tears Run Rings“, „Suicide Saloon“, „Sand Boy“ oder „My Love“, vom „König des Pop-Kitsches“ mit theatralischer Geste zelebriert, von Fans textsicher mitgesungen.

Als Vertreter einer aussterbenden Spezies empfiehlt sich der Londoner weiterhin. Mitunter gibt er sich geziert wie ein divenhafter Travestiedarsteller. Greift sich dramatisch an die Stirn, wenn er über die Krankheitsbilder des Älterwerdens fabuliert. Ausgeklammert bleibt sein fabelhafter Brecht-Weill-Zyklus. Bis auf wenige Ausnahmen wie „Entertain Me“ und „Bedsitter“ verweigert Almond die Hits seines ehemaligen Duos Soft Cell. Um den Welthit „Tainted Love“ als finale Zugabe kann sich die ehemalige New-Wave-Ikone allerdings nicht drücken. FERDINAND RATHKE

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