Hansi Hinterseer in der Jahrhunderthalle

Herzln weit aufg’macht

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Die Welt ist schön. Gegenteiliges kann Hansi Hinterseer jedenfalls nicht hören.

Frankfurt - Österreichische Alpen-Idylle auf Tournee: Hansi Hinterseer begeistert sein Publikum in der vollbesetzten Jahrhunderthalle. Von Peter Müller 

Formel-1-Legende Niki Lauda zieht im Video ehrfürchtig die Kappe, Arnold Schwarzenegger huldigt dazu in breitestem „Terminator“-Englisch und selbst die bayerische Lichtgestalt „Franz I.“ Beckenbauer kommt um eine kaiserliche Lobeshymne nicht herum: „Mei, der Hansi is halt der Hansi, a Phänomeeen!“. Ist er, zweifellos. Johann Ernst „Hansi“ Hinterseer, der einzig wahrhaftige Heilsbringer der Volksmusik, feiert in der proppenvollen Jahrhunderthalle ein Doppel-Jubiläum - und schwoft seine Fans, vor allem die weiblichen, in eine hoffnungslose Glückseligkeit.

Tja, was kann man dieser kollektiven Verzückung und den überschwänglichen Promi-Elogen auf „unseren Hansi“ eigentlich noch hinzufügen - außer jede Menge selbstgebackenen Schokoladenkuchen, eine Wagenladung Blumensträuße und prall gefüllte Präsentkörbe? Vielleicht die beruhigende Nachricht, dass weder Stofftiere noch Schlüpfer auf die in rotesten Plüsch gepackte Bühne fliegen. Und, so viel Distanz sei gestattet, ausnahmsweise mal die Perspektive eines nicht Hansi-Infizierten, der sich in dieser heilsten aller heilen Parallel-Welten schon mal wie bestellt und nicht abgeholt vorkommen mag.

Fesche Dirndl-Background-Mädels

Man kommt nämlich aus der Verwunderung kaum heraus: „Jetzt samma do“, „Viva Tirol“, „Heut´ ist dein Tag“ - nach zehn Minuten und drei homöopathisch schmeichelnden Weisen aus der österreichische Alpen-Idylle hat der ewige Herzensbrecher bereits eine Mitklatsch-Stimmung entfacht, die irgendwo zwischen Skihütte und Altweiberfastnacht fröhliche Urständ feiert. Hinterseer, Anfang Februar angeblich 60 geworden und seit 20 Jahren auf allen Stadl-Brettern zugange, ist zuvor über eine Showtreppe hinab gestiegen, mitten durch seine Stamm-Combo „Tiroler Echo“ und flankiert von zwei feschen Dirndl-Background-Mädels, die fast so entwaffnend strahlen wie der Kitzbüheler Volksheld.

Er hat Sätze souffliert wie „Griaß Euch Gott miteinand‘. Schön, Laidln, dass Ihr alle kummen seid“ und „gfreit sie narrisch“, dass „alle die Herzln weit aufg´macht“ haben - und wird nun eine gute Stunde Heimat-Folklore der harmonischsten Art präsentieren: Naturfreund Hinterseer, der in der Tat noch unverschämt gut ausschaut, besingt die Liebe, das bergig harmonische Sein unter Sternschnuppen, die Sonne am Himmel, verschneite Gipfel, malerische Täler und überhaupt alles, was man auch aus seiner „Da wo“-Alpensaga von der Mattscheibe kennt. Und wenn er zum Händeschütteln durch die Reihen wandelt, scheint da fast etwas Spirituelles zwischen ihm und seiner Gemeinde zu wachsen.

Hansi Hinterseer und andere Promis beim Hahnenkamm-Rennen 2013 in Kitzbühel

Schwarzenegger, Lauda und Co. beim Hahnenkamm-Rennen 2013 in Kitzbühel

„Hansi“ wäre wohl auch kaum „unser aller Hansi“ geworden, würde er nicht den eigenen Mythos vom Bergbauernbub auf der Seidl-Alm, vom Skifahrer-Helden, Familienvater oder Star zum Anfassen beschwören. Das macht er dermaßen überzeugend, dass es trotz aller therapeutischen Wirkung fast weh tut. Kann jemand, der in Madame Tussauds Wachsfigurenkabinett neben Michael Jackson verewigt, im Schlager-Olymp angekommen und zur Mullti-Millionen-Marke geworden ist, so sympathisch, treu, edel und heilandsgleich gut sein? Er kann. Zumindest suggeriert er das glaubhaft. Und wenn er im zweiten Teil fein gewandet mit „La dolce vita“, „Voulez vous Chéri“ oder „Lieb mich nochmal“ zur Reise durch den „siebten Himmel“ der eigenen Karriere einlädt, schmilzt auch der letzte Funken Zweifel, ob dieser blonde Frauentraum im virtuellen Hansi-Schrein nicht doch etwas zu hoch platziert sein könnte. Es mag zuweilen auch konsternieren, mit wie wenig man so viele Menschen glücklich macht - „Der, wo“ es vorlebt, kann´s einfach. Und selbst wenn diese wunderheile Dauer-Idylle nur eine Illusion sein sollte, suggeriert sie doch, dass die reale Welt eine heilbare ist. Zumindest für zwei Konzertstunden.

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