Botox im Charity-Bereich

Frankfurt - Mit dem humoristischen Aufhübschen eines klassischen Konzerts gibt er sich nicht zufrieden. Natürlich nicht, und so geht Harald Schmidt in die Vollen: Für die „Taunusbewohner“ empfiehlt er. „Bisschen Botox in die Lippen und ab in den Charity-Bereich“. Von Axel Zibulski

Und wer bei Schmidts Auftritt den Großen Saal der Alten Oper früher verlässt, wird vom Podium aus verbal abgepasst: „Na, schon müde?“ Hätten wir alles selbst gern schon gesagt. Harald Schmidt sagt’s.

Vieles klingt böse, und in Vielem steckt Wahrheit, wenn Schmidt übers Theater plaudert, über schwere Brillen tragende Dramaturgen, über Krankmeldungen im Opernchor, über den Verwaltungs-Moloch und über Theaterpädagogen, die bitte aufhören mögen, Schülern morgens um Elf „Nathan der Weise“ vorzusetzen.

Wie kommt der Moderator, Autor, Schauspieler dazu? Eingeladen hat ihn „Pro Arte“, angereist ist er mit dem Orchester Concerto Köln. Und als Folie dient Wolfgang Amadeus Mozarts Gelegenheits-Stückchen „Der Schauspieldirektor“ KV 486, in dem sich zwei Diven um den Primadonnen-Status streiten. Der Direktor muss schlichten. Da ist Schmidt genau der Richtige.

Harald Schmidt: Klassik-Kenner und ausgebildeter Organist

Nichts Bitteres freilich gegen das Können, und fast glaubt man Harald Schmidt, dass er sich über seine Pointe, bei Anne-Sophie Mutter der Jüngste im Publikum zu sein, zwar freut. Aber dass es ihm anders lieber wäre. Schließlich wäre ohne Schmidts Late-Night-Show die Klassik schon früher aus dem ARD-Spätprogramm verschwunden. Dort hat Schmidt bis zu seinem Wechsel zu Sat. 1 im vergangenen Jahr vielleicht mehr für deren Renommee in der Breite getan als alle Kulturwellen zusammen. Auch, weil er von diesem Metier etwas versteht, selbst wenn die 40 Takte Mozart, die er am Ende des Konzerts selbst singt, seine Sozialisierung in einem Kirchenchor nur noch ahnen lassen.

Dass die anderen Künstler nicht zur Begleiterscheinung werden, dürfte der Klassik-Kenner und ausgebildete Organist selbst genossen haben. Als konkurrierende Mozart-Diven standen sich Julia Bauer und Yeree Suh in Sachen Höhensicherheit und Koloraturen-Festigkeit nicht nach, Julian Prégardien ergänzte den „Schauspieldirektor“ tenoral vorzüglich. Concerto Köln hatte im ersten Konzertteil mit dem Moll-Sturm und Vorklassik-Drang der Sinfonie Nr. 4 c-Moll op. 12 des kaum bekannten Henri-Joseph Rigel ebenso aufhorchen lassen wie mit der auf historischen Instrumenten makellos sauber gespielten ersten Sinfonie C-Dur op. 21 Ludwig van Beethovens. Kein Klatschen zwischen den Sätzen – dafür gab’s später sogar Lob von Schmidt, der die einzige Zugabe ansagte: Mozarts Ouvertüre zur „Hochzeit des Figaro“.

Rubriklistenbild: © dpa

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