Harmonie der Unterschiede

Frankfurt - Joe Lovano, die markanteste Stimme unter den zeitgenössischen Tenorsaxofonisten, hat sich mit seinem Nonett die Nummern anverwandelt, die unter der Flagge von Miles Davis mit dem Album „Birth of the Cool“ in die Jazzgeschichte eingegangen sind, derweil als eigentlicher Klangarchitekt der Arrangeur Gil Evans dahinter stand. Von Stefan Michalzik

Die Beschwörung eines jazzhistorischen Geistes ist das letzte, woran der Truppe am Ende des ersten Abends des 40. Deutschen Jazzfestivals im Sendesaal des Hessischen Rundfunks gelegen sein dürfte. Lovano und seine Musiker, die auch eigene Nummern spielten, legen „uncool“ und klangmächtig los. Ihr Zugriff ist zwar durch die Arrangements von Gunther Schuller, dem Flügelhornspieler der Original-Sessions, beglaubigt. Gleichwohl mutet die Vorstellung der Motive mitunter wie ein Sample an, auf dessen Grundlage der Volltöner Lovano und seine Musiker auf der Höhe eines zeitgenössischen Jazz spielen, der eine klare stilistische Zuschreibung schon lange nicht mehr kennt.

Die junge ukrainische Pianistin Natalya Hermazin, Jazzstipendiatin von der Frankfurter Musikhochschule, verknüpft neoimpressionistische Klangmomente in einer blitzsauberen wie inspirierten Virtuosität in ein aus dem Hardbop herrührendes Grundmuster. Ihre überwiegend aus jungen Musikern bestehende Karma Jazz Group ist überdies mit allen spieltechnischen Wassern gewaschen.

Pianist Joachim Kühn hat für sein Alterswerk die Verbindung mit ethnisch verwurzelten Musikern für sich entdeckt. Für das Frankfurter Festival hat er sein Trio mit dem marokkanischen Oud- und Guembri-Spieler, Sänger Majid Bekkas sowie dem spanischen Schlagzeuger und Perkussionisten Ramon Lopez erweitert sowie mit der von ihrem Chefdirigenten Örjan Fahlström geleiteten hr-Bigband in einen orchestralen Zusammenhang gestellt. Die für unsere Ohren harmonisch exotische Musik des Maghreb trifft auf eine harmonisch kühne Jazzmoderne. Und Ramon Lopez klingt mit seiner Perkussion mitunter wie ein ganzes Orchester für sich. Die Begegnungen mehrerer Welten funktionieren in Kühns eignen Arrangements nicht zuletzt deshalb derart prächtig, weil eine jede ihr Eigenleben bewahrt.

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