Heiteres Melodienraten

Eben noch malen Streicher breit die Mühen des Aufstiegs am Chilkoot-Pass. Da keckert die Trompete ein lustiges Motiv, die Holzbläser spinnen es weiter. Ein kleiner Mann mit Schnäuzer und Melone trippelt durchs Schwarz-Weiß-Bild, gefährlich nah am Abgrund.

Auftritt Charlie Chaplin in „Goldrausch“, dem genialen Stummfilm von 1925; Auftakt zur „Capitol Cinema Lounge“ der Neuen Philharmonie Frankfurt: Im Offenbacher Domizil begleiten die Musiker das Meisterwerk live. Das hingerissene Publikum erlebt eine Fassung, die noch nie zu hören gewesen ist.

1400 sogenannte Synchronpunkte muss Dirigent Frank Strobel, Spezialist für solche Fälle, treffen. Das Schlagzeug agiert autonom, unterstreicht die Pardauz-Momente dieser Slapstick-Komik. Davon gibt’s jede Menge, denn die Partitur in der Version von 1942 geizt nicht mit Effekten. Von Autor, Regisseur und Hauptdarsteller Chaplin durchaus epigonal komponiert, von Arrangement-Profis instrumentiert, lädt sie ein zum heiteren Melodienraten. Der Schneesturm klingt nach Wagner. Die zarte Weise in den Hungerszenen: „Tannhäuser“, Wolframs Lied an den Abendstern. Das triumphale Schatzmotiv: Wohl „Rheingold“. Der Walzer: Lehárs „Gold und Silber“. Und die irre schnellen Geigenläufe beim Versuch, nicht abzustürzen: Rimski-Korsakows „Hummelflug“.

Das aberwitzige Geschehen auf der Leinwand inspiriert das Orchester zu Höchstleistungen. Strobel behält selbst in wilden Turbulenzen stets den Überblick. Liebe und Einfühlungsvermögen gelten indes den lyrischen Momenten. Schuhverspeisung und Brötchentanz, unvergessliche optische Einfälle, geraten auch zu akustischen Höhepunkten!

MARKUS TERHARN

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