Helge Schneider im Hanauer Amphitheater

Meister der Variation

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Selbst Albernes ist bei ihm lustig: Helge Schneider.

Hanau - Helge Schneider hat eine Menge mit Bob Dylan gemein. Gleich Dylan befindet er sich seit Jahrzehnten praktisch auf einer Never Ending Tour, und er spielt seine Standards und Shownummern immer wieder anders. Von Stefan Michalzik

Dergestalt verhielt es sich auch an diesem unter dem Signum „Helge Schneider & Gäste“ annoncierten Abend im Amphitheater in Hanau, der schönsten Stadt, die er je in seinem Leben gesehen hat, selbstverständlich. Gleich am Anfang: „Katzeklo“ – „Vielleicht sind ja Kinder da, und die müssen eher nach Hause“. Der Text ist wieder ein völlig neuer. Diesmal hat ein Familienvater mit seinem Opel Astra die eigene Katze überfahren, „auf der Straße ist ein Fleck/die Katze ist noch nicht weg!“ Dann die Wende: Eines Abends klingelt die Katze an der Haustür. Es muss doch eine andere gewesen sein, die überfahren worden ist. Desgleichen variieren die hanebüchenen Texte und die Arrangements später beim „Meisenmann“, solo am Klavier, bei „100.000 Rosen“, „Die Trompeten von Mexiko“ und beim „Telefonmann“, diesmal mit einem grotesken Intro auf der Hammondorgel, beginnend mit einem Bachchoral, übergehend in Leonard Bernsteins „America“ und „Child In Time“ von Deep Purple.

Der große Anverwandlungskünstler nimmt sich tendenziell aller musikalischen Stile und nicht aller, aber doch sehr vieler Instrumente an. Eine seiner lustigsten Nummern an diesem Abend ist eine – tja, was nun eigentlich? – Verhohnepiepelung (?) des Afrobeats. Schneider spielt die Trommel und wiederholt x-mal die Lautfolge „Oppagamadé“. Die Band und er – ein Sextett, allesamt alte Bekannte wie der Gitarrist Sandro Giampietro und der Schlagzeuger Willy Ketzer – legen das funky hin. Typisch für Schneiders Umgang mit der Musik: Parodie und liebevoll-behutsame Annäherung vermag er überein zu bringen, die Musik ist immer waschecht. „Der Schönheitschirurg von Germania“ hat – mit Glaswolle! – eine „Brustverlängerung“ ausgeführt, die Brust ist auf dem Rennrad in die Kette geraten. „Tot! – Is’ ja ‘ne reine Fantasiegeschichte, aber is’ wirklich nich lustig“. Doch! Bei Helge Schneider eben schon, selbst das albernste Zeug noch.

Als einziger tatsächlicher Gast tritt der amerikanische Tenorsaxofonist Tyree Glenn jr. auf, ein Showman von klassischem Schlag. Er tut sich auch als Witzeerzähler hervor. Bei ihm wirken die Witze abgeschmackt; Schneider könnte die gleichen mit Mitteln des Tonfalls und der Mimik derart veredeln, dass das schale Zeug eben doch wieder witzig wird. Wie meist klingt das bescheidene Körpermaß von Peter Maffay an. Auch Freund Udo Lindenberg schaut als Stimme immer mal wieder kurz rein, Beethoven, noch so ein ewiger Begleiter, klingt mehrfach an.Das ist alles vertraut, und es präsentiert sich immer wieder neu, wie eine Improvisation über ein bekanntes Thema im Jazz oder auch wie ein Remix. Bodo Oesterling tritt wie immer als Teebutler in Erscheinung, diesmal im eleganten Anzug und nicht wie sonst oft im Stil der Mozartzeit mit Perücke und Rotfrack; der zottelbärtige Sergej Gleithmann rollt zum Schluss seine Gymnastikmatte aus. Aus dem neuen Album „Sommer, Sonne, Kaktus“ stammen nur wenige Nummern, unter anderem der Titelsong, eine auf den ersten Blick nicht sonderlich originell wirkende Schlagerparodie- – sollte sie sich doch irgendwann als ein weiterer Schneider-Klassiker entpuppen (man weiß ja nie) werden Variationen folgen, bestimmt.

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