Elektrifizierte Musik

Hendrix mit dem Atem eines Bläsers

+
Zum 44. Mal geht das deutsche Jazzfestival an den Start.

Frankfurt - Gleich mal kräftig hingelangt, mit einer einnehmenden Gelassenheit. Da wird keine Hitze produziert, kein Dampf, wohl aber Verve und Druck. „Bits’n’Bytes“, unter diesem Titel firmiert das 44. Deutsche Jazzfestival im hr-Sendesaal. Von Stefan Michalzik

Der junge französische Tenorsaxofonist Guillaume Perret und sein Quartett The Electric Epic gehen am Schwerpunkt vorbei, es handelt sich nicht um elektronische, sondern um elektrifizierte Musik. Perret hat sein Instrument umgemodelt, er spielt mit Wah-Wah- und Distortion-Effekt, mit Pedalen, die von der E-Gitarre herkommen.

Die phänomenale Band um Jim Granocamp, E-Gitarre; Philippe Bussonet, E-Bass; Yoann Serra, Schlagzeug lässt es brodeln. Das Saxofon klingt oft in Natur, dann wieder hört es sich an wie Jimi Hendrix mit dem Atem eines Bläsers. Funky ist diese Musik, dem Hardrock kommt sie nahe, unter Abzug von dessen erdiger Wucht: Fusion in einer neuen Dimension.

Laptopgestützter Keyboarder bleibt blass

Mensch statt Maschine: Die hr-Bigband spielt Kraftwerk - das schien eine sichere Nummer zu sein, zumal der norwegische Komponist, Arrangeur und Dirigent Helge Sunde dafür engagiert worden ist, der zu Recht einen Ruf als findiger Erneuerer des orchestralen Jazz genießt. Umso ernüchternder hat sich das Ergebnis präsentiert. Man hört leichtgängig-exquisite Bigband-Klänge, mehr als Kunsthandwerk ist das nicht; überraschend blass bleibt auch der laptopgestützte Keyboarder und Fender-Rhodes-Spieler Vladyslav Sendecki.

Bei Dave Holland und seinem neu besetzten Quartett Prism – keine tagesaktuelle Anspielung – handelt es sich um ein starkes Solistenensemble. Gitarrist Kevin Eubanks spielt brillante, bluesgetränkte Solomarathons, die Leerlauf so wenig kennen wie ein Ende. Der Klavier und Fender Rhodes simultan spielende Craig Taborn orientiert sich stärker an Klangschattierungen als an melodiösen Tonfolgen, Schlagzeuger Eric Harland sorgt für immer neue Nuancierungen.

Immer noch kein Veteran

Inmitten von alledem ruht bescheiden wie präsent Dave Holland als melodischer Denker, er verhält sich kontrapunktisch zum Tun seiner Mitspieler.

Ein Mittsechziger, der seit seinem Zutun zur elektrischen Phase von Miles Davis nichts anderes als sein Können in unterschiedlichen Personalkonstellationen gezeigt hat – und noch immer nicht wie ein Veteran wirkt. Mögen sich Prism als klassisches Jazzensemble auch konventioneller darstellen als The Electric Epic, weniger frisch wirken sie nicht.

Kommentare