Grönemeyer in der Hugenottenhalle

Zurück zu den Wurzeln

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Er ist einer von ihnen: Herbert Grönemeyer singt alte Lieder, und die refrainsicheren Fans gehen begeistert mit.

Neu-Isenburg - Lübeck, Wien, München Köln, Neu-Isenburg - in der Hugenottenhalle stellte Herbert Grönemeyer vor 1 500 Zuschauern wieder die Breite seines Oeuvres unter Beweis. „Blick zurück – 30 Jahre: Halbzeit“ ist seine diesjährige Clubtour betitelt. Von Michael Eschenauer

Du kommst herein und siehst mich pendeln mit einem Strick um meinen Hals. Jetzt ist es aus mit zartem Tändeln. (. . . ) Zum letzten Mal fühl ich es kommen, fühl, wie‘s mir in die Hose geht. Hab‘ ich auch das Leben mir genommen, so weiß ich doch, dass er noch steht.

Oha, hoho! Jawohl, auch das ist Liebeslyrik à la Herbert Grönemeyer. Überrascht? Spötter sehen im Lieblingsbarden der Deutschen den intellektuell gepimpten Wohlfühlpoeten ergrauter Flugblatt-Verteiler. Doch Grönemeyers Musik deckt seit jeher viel mehr ab - womit wir wieder bei dem eingangs zitierten Text von „Moccaaugen“ (Album „Gemischte Gefühle“, 1983) wären.

In Fan-T-Shirt und mit Ohrenstöpseln

Lübeck, Wien, München Köln, Neu-Isenburg - in der Hugenottenhalle stellte der 56-Jährige vor 1 500 Zuschauern wieder die Breite seines Oeuvres unter Beweis. „Blick zurück – 30 Jahre: Halbzeit“ ist seine diesjährige Clubtour betitelt. Sie ist nicht vergleichbar mit der pompösen „Schiffsverkehr“-Tournee 2011, die Riesen-Arenen füllte. Grönemeyer sucht bei „Halbzeit“ kleinere Bühnen, sucht die Nähe zum Fan und findet die eigenen musikalischen Wurzeln.

„Ohne ,Bochum‘ gehen wir hier nicht weg“, sagt Tanja Schmidt aus Rödermark. Geboren sind sie und ihr Mann Stephan in – na klar: Bochum. Mit Sohn Jonas wartet man in Fan-T-Shirt und mit Ohrenstöpseln auch auf die Kracher-Hits. Doch die sind im opulenten, mehr als zweistündigen Programm eher dünn gesät. Es geht halt auch um die „Gründerzeit“.

Grönemeyer streut immer wieder Erinnerungs-Medaillons ein

„Jedes alte Lied muss ab und zu mal gesungen werden“, flachst Grönemeyer, der schon anno 1986 in der Hugenottenstadt aufgetreten ist. „Fisch im Netz“ aus dem „Chaos“-Album von 1993 bildet den Auftakt. „Deine Liebe klebt“, „Ich dreh mich um dich“, „Diamant“, später dann bekanntere Nummern wie „Kinder an die Macht“, „Kaufen“, „Ich bin für dich da“. Über 20 Titel werden der Mann mit Bauch und seine Fünf-Mann-Combo spielen. Es gibt nur Stehplätze, maximal 25 Meter sind es bis zur Bühne – ein fast schon intimes Konzert. „Dannge Schööön! Ihr seid toll, ehrlich“, vor der Bühne schwenken Refrainsichere die Arme im Takt – egal ob die Ballade „Marie“ oder das funkige „Luxus“ gegeben wird. Die Drüsen schütten allerlei Stoffe aus, man pfeift, klatscht, ist begeistert.

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So schreibt Grönemeyer seine Texte

„Halbzeit“ wäre keine musikalische Autobiografie, wenn Grönemeyer nicht immer wieder Erinnerungs-Medaillons einstreuen würde. Zum Beispiel aus der Zeit vor der „Total Egal“-Tour (1982) „wo manchmal mehr Leute auf der Bühne als davor gestanden sind“. Oder wo die noch völlig unbekannten Musiker in die Idee vernarrt waren, eine echte Rockband brauche auch einen echten Rockband-Tour-Bus. Der Firma „Jasper-Reisen“ blieb daraufhin nichts anderes übrig, als den genutzten alten Linienbus mit hölzernen Ikea-Doppelstock-Betten nachzurüsten. Die Platten, „textlich bestechend, musikalisch zerschmetternd“, grinst der Barde von der Bühne, seien „damals teilweise „so gut gewesen, dass wir sie vom Markt genommen haben“. Und manche Nachfolge-Platte sei ebenfalls „ziemlich dünn“ geblieben. Ja, der Mann sagt tatsächlich noch „Platte“ – nicht CD oder gar „Track“.

„Jetzt oder Nie!“ (1984), „Tanzen“ (1986), das sind die Kampflieder aus den Geburtsjahren der Grünen. Grönemeyer gibt besonders den älteren Semestern die Möglichkeit, eigene Lebensgeschichte zu feiern. Er ist einer von ihnen. Auch sie würden sich bewegen wie er, auch sie stünden so ungelenk auf einer Bühne. Dieser Mann röhrt, fistelt, zuckt und ruckt, wirft das dünne Flatterhaar, hat eine eigentlich unmögliche Motorik, aber er lacht darüber. Das macht auch seine Fans sicherer und deshalb froh. Bei der Musik ist das freilich ganz anders. Hier sind Professionalität und Können nicht anzuzweifeln, egal ob es um Rock, Funk, Blues oder Reggae geht.

Um 22.15 Uhr ist Jonas müde, seine Eltern begeistert. „Der spielt toll“, sagt er tapfer. Aber den Herrn „Unheilig“ findet er dann doch etwas cooler.

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