Herzschmerz und Aerobic

Frankfurt - Die „Symphonie des Lebens“ oder: Wie schokoladig kann eigentlich eine südamerikanische Sacher-Torte klingen. Von Peter H. Müller 

Schlagerstar Semino Rossi, Wahl-Österreicher aus Argentinien, klotzt in der ausverkauften Alten Oper mit kauzigem Latin-Lover-Charme, entzückender (Selbst-)Ironie und einer bunten Jubiläums-Show, die so gar nicht zum Klischee des Schnulzen-Sängers passt. Die Fans sind dennoch - oder vielleicht gerade deshalb - restlos aus dem Häuschen. Denn Achtung: Der Frauenschwarm mit dem kurzgeschnippelten Locken und dem passend zum funkelnden Latino-Blick paillettenbesetzten Schlips ist nicht nur ein äußerst freundlicher Vorzeige-Sohn, der von seiner ersten Gage einen Flügel für Mama gekauft hat - er kann eben auch Entertainer. Und Singen sowieso, meint immerhin Dieter Bohlen, der mit dem „modernen Julio Iglesias“ gerade ein 15 Hits starkes Album produziert hat. Das listet sirupsüße Songs wie „Bella Romantica“, „Für immer und ein Tag“ oder „Du bist meine Symphonie“, zu dem in der Alten Oper schon nach fünf Minuten stehend applaudiert und kollektiv geschwoft wird.

Zuvor hat der 51-jährige Ex-Straßenmusikant, der für seine ziemlich späte Karriere rund vier Jahrzehnte Anlauf genommen hat, schon mal aus dem Off geflüstert, wie er sich das so vorstellt an diesem zweifellos denkwürdigen Abend - mit den obligatorischen Schokoladen-Präsenten, mit Blumen-Geschenken, anschließender Autogrammstunde und der „Pipi-Pause“ zwischendrin. Andächtig gelauscht hat bereits da ein Publikum, das dem ZDF die Quoten und der Schlagerbranche einen beträchtlichen Teil der Umsätze rettet - später dafür mit einem munteren Senioren-Aerobic-Kurs vom augenzwinkernd vorturnenden Herrn Rossi bespaßt wird.

Omar Ernesto, der Mama Rossi schon mal zu einem Silbereisen-Stadl aus Buenos Aires einfliegen lässt, hat für seine Jubiläumstour aber auch eine üppige Lichtshow, eine stattliche Band, drei aparte Backgroundgirls und gleich diverse Überraschungsgäste mitgebracht: Da wäre etwa eine knackige, sechsköpfige Kuba-Tanztruppe, die zu „Maila Morena Baila“ fleißig Folklore-Stimmung verströmt. Und wenn wir schon auf der Zuckerinsel sind, darf einer der letzten lebenden Buena-Vista-Haudegen natürlich nicht fehlen: Don Ignacio, der sich mit 86 noch in einen Oktoberfest-Trachtenanzug geworfen hat, tanzt zu den ewigen Klassikern „Guantanamera“ und „Besame mucho“ noch mal Salsa, was die ramponierte Hüfte so hergibt.

Seniore Semino witzelt dann, wenn er nicht gerade mit Flirten oder samtweichen Song-Heiligtümern wie „Hallelujah“, „Amazing Grace“, „Caruso“ oder seiner spanischen „My Way“-Version zugange ist, schon mal über Rollatoren und andere Gehhilfen - stets im allerschönst gefärbten Latino-Dialekt. Überhaupt ist der etwas andere Sonnyboy des wohl tönenden Herzschmerzes ein echtes Live-Phänomen, immer auf dem schmalen Grat zwischen schräger Ironie und melodramatisch inszenierter Gefühligkeit. Um es zugespitzt zu formulieren: Seine Zweieinhalbstunden-Show ist eine erschreckend sympathische Mixtur aus gnadenloser Romantik, brottrockenem Humor und, insbesondere im spanisch schwelgenden Akustikset, schlicht schön interpretierten Songs.

Rubriklistenbild: © dpa

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