Hexereien auf dem Griffbrett

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Steve Morse mit seinem Griffbrett

Offenbach - Wehe, wenn sie losgelassen! Dann kennen virtuose Rockgitarristen kein Halten mehr. Da werden alle spieltechnischen Möglichkeiten ausgereizt bis zum Exzess: Das Griffbrett als Vehikel der Selbstdarstellung. Von Stefan Michalzik

Der Zusammenhang eines ernstzunehmenden Bandgefüges mit starken musikalischen Charakteren als Widerpart kann da eigentlich nur stören, weshalb sich der wahre Gitarrenvirtuose zumindest nebenbei gerne als Solist mit Staffagemusikern präsentiert.

Mitte der neunziger Jahre hat der Amerikaner Joe Satriani zusammen mit seinem einstigen Schüler Steve Vai sowie Eric Johnson das als G3 firmierende Tourneepaket begründet; später trat zunächst Yngwie Malmsteen an Johnsons Stelle, inzwischen hat Steve Morse die Position übernommen. In dieser Besetzung präsentierte sich G3 in der Stadthalle Offenbach. Das Bezugssystem der Musiker ist durchweg der Hardrock, freilich ist von Funk bis zur Klassik samt Griff zur Akustikgitarre tendenziell alles möglich.

Morse ist schnörkellos

Steve Morse, in den siebziger Jahren die treibende Kraft der zwischen Southern Rock und Fusion changierenden Dixie Dreggs und nach einem Gastspiel bei Kansas in den achtziger Jahren seit 1994 Mitglied der Hardrocklegende Deep Purple, trat mit einer puristischen Triobesetzung in Erscheinung. Seine Musik ist vergleichsweise schnörkellos, im Umgang mit den Effekten lässt er ein Wissen um die goldene Regel ,,Weniger ist mehr“ erkennen.

Steve Vai, einst etliche Jahre lang zur Band von Frank Zappa gehörig, brettert mit einem entschieden fetteren Sound brachial nach vorne weg. Sein Spiel ist viel artistischer als das Morses. Beidhändiges Tapping und anderlei Schikanen mannigfach: Der kaltschnäuzige Vai ist effektverliebt bis zum Gehtnichtmehr. Die Show dieses Mannes – bezeichnenderweise hat er sich das Griffbrett mit Leuchtdioden besetzen lassen – ist so überspitzt wie bei wenigen anderen.

Effektfreudig, doch eine Spur lässiger

Daneben wirkt selbst Joe Satriani wie ein Waisenknabe – und das will etwas heißen. Effektfreudig ist auch er, doch er lässt es eine Spur lässiger, cooler angehen. Im finalen gemeinsamen Jam schließlich versuchten sich nach einem bislang rein instrumentalen Abend Satriani und Vai als Sänger. Einer weniger dazu begabt als der andere, richteten sie gnadenlos Rockklassiker vom Schlage „You Really Got Me“ (Kinks) und „Rockin’ in the Free World“ (Neil Young) hin.

Die Musik spielt bei derlei Virtuosentum letztlich eine untergeordnete Rolle, hier geht es um selbstverliebte Vorführung des meisterlich beherrschten Handwerks. Nur zur Erinnerung: Die musikalische Wurzel von alledem ist der Blues – doch dem wird von derlei Berserkern des instrumentalen Exhibitionismus die Seele gründlich ausgetrieben.

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