Hindemith? Her damit!

Frankfurt - Um den Hanauer Paul Hindemith macht man in Frankfurt gern einen Bogen. Dass beim Klassiker der Moderne viel zu entdecken ist, darüber klärte das hr-Sinfonieorchester auf, ein dichtes Netz klanglicher Beziehungen knüpfend. Von Klaus Ackermann

Chefdirigent Paavo Järvi sorgte auch in Werken von Ravel, Prokofjew und Weber für stimmliche Klarheit und hohen Erlebniswert. Als Einspringer für den erkrankten Yefim Bronfman nutzte der Russe Alexander Melnikov die Gunst der Stunde im Kräfte zehrenden 2. Klavierkonzert seines Landsmanns Prokofjew.

Der Walzer hat den Impressionisten Maurice Ravel lebenslang fasziniert. Auch bei den Valses nobles et sentimentales von 1912, deren Titel eine Spur zu Schubert legen, die aber zwischen Wien und Paris ein orchestral raffiniertes Maskenspiel inszenieren – wie so vieles an diesem Abend in der Alten Oper. Järvi geht von Anbeginn volles Risiko in aufgerautem Orchesterklang und bei rhythmisch scharf akzentuiertem Dreivierteltakt. Alles zielt auf die Essenz des Walzers, mal in feinem Klangduft, mal in instrumentalen Pirouetten, die einen rauschhaften Sog entwickeln.

Melnikov lässt es ordentlich krachen

Eher klassisch ausgewogen und mit Bedacht geht der 37-jährige Moskauer die hammerharten Attacken des 2. Klavierkonzerts von Prokofjew an. Ein wahres Präzisionswunder und ein Athlet an Tasten, der sich in die solistisch wie eine Kadenz dargebotene Durchführung ostinater Themenstränge förmlich hineinwühlt. So sachlich wie eine Etüde tönt das Scherzo, eine Art Perpetuum, das bei lustvollem Blechbläser-Störfeuer in einen knöchernen Marsch mündet. Melnikov lässt es ordentlich krachen, mildert den Maschinen-Sound im nachdenklichen Dialog mit Violoncello und Fagott und dankt für starken Beifall mit einem naiv-fröhlichen Prokofjew-Klavierstück.

Es ist das Verdienst des Frühromantikers Weber, in seiner Schauspielmusik zu Schillers „Turandot“ chinesisches Kolorit in die abendländische Musik eingeführt zu haben. Doch Järvi lockt bei der Ouvertüre auch die farbenfrohe Instrumentation und gibt seinen Schlagwerkern im Marsch grünes Licht für robustes Tschingderassa.

Prolog für jene Sinfonischen Metamorphosen über Themen von Carl Maria von Weber, die Paul Hindemith 1943 im US-Exil komponierte. Deren melodische Distanz ist astreiner Weber, kontrapunktisch kühn durchwirkt. Beim Hanauer Bürgerschreck, ehemals wohnhaft im Sachsenhäuser Kuhhirtenturm, wird selbst Webers „Turandot“-Chinesisch zum Scherzo verfremdet, mit Glockenschlag und irrlichternden Flöten, energetische Blechbläser gegen „Freischütz“-Jagdhörner ausspielend und die Streicher zum Hummelflug animierend.

Klanglich und vor allem rhythmisch wirkt das bei Järvi und den hr-Sinfonikern so packend wie die Zugabe, der unverwüstliche „Ragtime“. Eigentlich eine Frechheit, wie Hindemith da ein Bach-Thema mit urigem Jazz verwurstet. Doch beim swingenden hr-Sinfonieorchester fährt das spontan in die Knochen.

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