An Höhepunkten reicher Jahrgang

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Saxophonist Archie Shepp spielt in Frankfurt beim 42. Deutschen Jazzfestival.

Frankfurt - Am zweiten Abend des Deutschen Jazzfestivals, das sich mit dem Erbe des vor fünfzig Jahren gegründeten Labels Impulse! beschäftigte, begegnete der einst zu diesem Kreativpool gehörige Tenorsaxofonist Archie Shepp dem Pianisten Joachim Kühn. Von Stefan Michalzik

Joachim Kühn ist gemeinsam mit seinem Bruder Rolf der einzige Deutsche, der jeweils auf Impulse! veröffentlicht hat. In der so intimen wie lebhaft intensiven Zwiesprache mit Kühn trat Shepps Verwurzelung im Blues markant zutage. Ein Glanzlicht.

Dem jungen schwedischen Tenorsaxofonisten Jonas Kullhammar ist es gelungen, mit seinem Quartett John Coltranes auf das Jahr 1964 zurückgehende viersätzige Suite „A Love Supreme“ vergleichsweise nah am Original und doch mit lässiger Verve aufzuführen, die dem unverwüstlichen Klassiker neue Frische gab.

Chris Potter wusste zu belegen, das ihm die Schuhe von Coltrane nicht zu groß sind

Der einst zu John Coltranes legendärem Quartett gehörige Pianist und Impulse!-Künstler McCoy Tyner, der sich mit seinem um den Tenorsaxofonisten Chris Potter und den jungen Sänger José James erweiterten Trio Coltranes gemeinsam mit dem Crooner Johnny Hartman entstandenes Balladenprojekt vorgenommen hatte, präsentierte sich als musikalisch gepflegt auftretender Elder Statesman des Free Jazz. Da passierte nichts, was über den Standard vieler Balladen-Alben zeitgenössischer Jazzdiven hinausgegangen wäre. Feuer loderte immer dann auf, wenn der schmelzbegabte Bariton die Bühne verließ. Da langte McCoy Tyner mit seinem Markenzeichen, den kantigen Blockakkorden, in gewohnter Weise hin, und Chris Potter wusste zu belegen, das ihm die Schuhe von Coltrane nicht zu groß sind.

Creed Taylor, der Gründer des Labels Impulse!, hat einmal gesagt, dass es heute wohl einen Sinn ergeben würde, die Nachfolge von John Coltrane mit Laptop und elektronischer Musik anzutreten.

Von einem Transfer ins 21. Jahrhundert kann keine Rede sein

Im Harriet Tubman Double Trio, das am dritten Abend als einziges Ensemble von der reinen Jazzlehre abwich, ist das Kollektiv der wichtigste Solist – eine markante Gemeinsamkeit mit dem 1965 eingespielten Coltrane-Album „Ascension“. Derweil das durch improvisatorische Turbulenzen im Sinne eines „klassischen“ Free Jazz gekennzeichnet ist, wartet das afroamerikanische Sextett mit schleppenden, vom Dubreggae beeinflussten Beats, Ambient-, Drum and Bass-Sounds auf. Der rockige Gitarrist Brandon Ross und der Kornettist Graham Haynes arbeiten mit Hall- und Echoeffekten. Da wird durchaus spannungsreich musiziert, von einem Transfer ins 21. Jahrhundert, wie ihn Moderator Olaf Stötzler diagnostizierte, kann freilich keine Rede sein: Das ist Neunziger-Jahre-Musik.

Meisterlich elegante, durch subtil changierende Klangfarben geprägte Arrangements sind das Merkmal der von dem ehemaligen Chefdirigenten Jörg Achim Keller mit der hr-Bigband aufgeführten Orchesterversion von Oliver Nelsons 1961er-Album „The Blues and the Abstract Truth“. Immer wieder treten großartige Solisten wie der Trompeter Axel Schlosser hervor. Das bei aller Freiheit der Melodieführung bluesdurchtränkte Spiel des Gastsolisten Vincent Herring bestach durch kontrollierte Wucht.

Das Brüderpaar Joachim und Rolf Kühn hat zusammen mit dem Bassisten John Patitucci und dem Schlagzeuger Brian Blade – den grandiosen Rhythmikern aus dem Quartett von Wayne Shorter – lieber neue Stücke und eines von Ornette Coleman aufgeführt als sich mit dem Albumrepertoire zu beschäftigen. Die lyrische Abstraktion des Klarinettisten Rolf und die ausladende Harmonik des Pianisten Joachim trifft auf den motorisch-eruptiven Puls von Patitucci und Blade. Dieses aus vier starken musikalischen Charakteren bestehende Solistenensemble zeigt zwei Hälften, die sich musikalisch prächtig verstehen und final einen der Höhepunkte dieses ergiebigen Festivaljahrgangs markierten.

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