SWR Orchester in der Alten Oper

Die Hoffnung stirbt zuletzt

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Teodor Currentzis dirigiert das SWR Orchester.

Frankfurt - Das in seiner Existenz bedrohte SWR Orchester beweist in der Alten Oper einmal mehr sein Klasse. Von Klaus Ackermann

Am Ende stand eine Liebeserklärung ans SWR Orchester, dessen Existenz in Gefahr ist. Von dem in Griechenland geborenen und in Russland großgewordenen Dirigenten Teodor Currentzis auf Englisch skandiert, der überzeugend die von öffentlich-rechtlichen Bürokraten verordnete Fusion mit dem RSO Stuttgart abmahnte. Zuvor hatte er die Tugenden dieses seit 1950 mit vielen wichtigen Uraufführungen betrauten Sinfonieorchesters noch einmal voll ausgereizt und dem russischen Pianisten Nikolai Lugansky assistiert, der das majestätische Konzert Es-Dur von Beethoven perfekt in Szene setzte.

Von Optik und Beweglichkeit her könnte Currentzis einem russischen Ballett entsprungen sein, der seine Hände wie einen verlängerten Taktstock nutzt und permanent Dirigier-Impulse versendet. Dass diese beim SWR Orchester gut ankommen, zeigt schon die Intensität von Richard Wagners „Tristan“-Vorspiel um jenen berühmten Akkord, dem Liebe und Schmerz gleichermaßen innewohnen, der Anlass für ein feinnerviges orchestrales Lustwandeln und ein dauerhaftes Crescendo gibt, das der Grieche wie mit dem Zirkel vermisst. Und bei „Isoldes Liebestod“, tragisches Ende der „Tristan“-Handlung und in Wagners eigener Orchesterfassung gespielt, sind im überirdisch strahlenden Dur die Liebenden längst himmelwärts.

Erst kernig trocken, dann rhythmisch markant

Irdischer geht es da in Beethovens Klavierkonzert Nr. 5 zu, dessen kraftvolle Selbstäußerung sich in Es-Dur-Akkorden manifestiert, die der Pianist wie improvisatorisch zu zerpflücken scheint, allemal auch interpretatorisch richtungweisend: Bei Lugansky tönt das kernig trocken, der ins geradlinige Themenmaterial zu stechen scheint, aber das Adagio auch berührend kantabel bringt. Zuviel Sentiment entschärft der Russe in virtuosen, etüdenhaft anmutenden Passagen.

Vorlagegemäß zum Schocker wird der Übergang ins rhythmisch markante Rondo, das Lugansky bewusst sachlich angeht, um in den virtuosen Girlanden, die Beethoven dem Thema flicht, diesen tänzerischen Reißer noch einmal anzukurbeln. Hier sind die SWR-Sinfoniker „dicht am Ball“, souverän auch mal die Richtung vorgebend. Nach solch geballter Beethoven-Ladung herrscht in der Zugabe Milde, ein bezauberndes Lied ohne Worte von Mendelssohn.

Dann ein großer Schwenk in die Moderne, die von dem Rundfunkorchester aus Baden-Baden zu Zeiten eines Hans Rosbaud mitbestimmt wurde. Prokofjews letzte Sinfonie Nr. 7 cis-Moll, vom Komponisten 1951 „der sowjetischen Jugend gewidmet“ ist auch spannender Rückblick eines Grenzgängers zwischen Ost und West, der 1936 überraschend ins Russland der Stalin-Ära zurückgekehrt war und dies schon bald bereuen sollte. Zerklüftete Seelenlandschaften beschwört das SWR Orchester, zwischen Depression und klanglicher Vision, mit geschmeidigen wie schmetterfreudigen Bläsern. Den russisch-robusten Walzertraum scheint Dirigent Currentzis vorzutanzen. Ironie und Verfremdung bringen selbst das Andante espressivo auf Abwege, ehe die Badenser zu einem rhythmisch entfesselten, folkloristisch getönten Galopp ansetzen, der traurig und leise endet. Erst später hat Prokofjew auch einen effektvoll rasanten Schluss hinzugefügt. Den schickt der Dirigent seiner aufrüttelnden Brandrede nach – die Hoffnung stirbt zuletzt …

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