Frauen mit Föhnfrisur verzaubert

Frankfurt - Zum wiederholten Mal mahnt ein Ordner: „Meine Damen, bitte begeben Sie sich umgehend auf Ihre Sitzplätze!“ Doch die weiblichen Fans im Durchschnittsalter jenseits des halben Jahrhunderts denken nicht daran, erobertes Terrain kurz vor dem Ziel aufzugeben. Von Ferdinand Rathke

Schließlich trennen die herausgeputzten Amazonen nur wenige Meter von den begehrten Plätzen vor der Bühne.

Um dem verehrten Howard Carpendale nahe zu sein, haben einige Teilnehmerinnen der launigen Frauenüberschuss-Party seit Nachmittag vor der ausverkauften Frankfurter Alten Oper ausgeharrt. 2010, als der smarte Südafrikaner in der weit größeren Festhalle zum wiederholten Mal den Rücktritt vom Rücktritt erklärte, blieben viele Sitze leer. Zu viele Tourneen hintereinander sorgten für das Gegenteil von Verknappung des Produkts, das, sobald die Lichter verlöschen, mit Blumen beglückt wird.

Weil der 65 Jahre alte Schlagerveteran sich topfit fühlt, wie er zum Auftakt im Titelsong „Das alles bin ich“ der aktuellen CD bekundet, fällt die Rente aus. Weitere neue Stücke von Keyboarder, Komponist und Arrangeur André Franke präsentiert er, doch dominiert die Vergangenheit. Viele alte Hits sind im Programm, dazu ein Ausschnitt des ARD-Films „Lebe dein Leben“; eine „Trrraumrrrolle“ an der Seite von Sohn Wayne, wie der Papa stolz verkündet, der Sohn Cass den Song „Willkommen auf der Titanic“ widmet.

Zu Kalauern aufgelegt ist Carpendale, der auswendig gelernte Altherrenwitze als spontan verkauft und sie mit Biografischem und Banalem mixt. Auf dem Barhocker thront er im Anzug zu offenem Oberhemd und Schal. Trotz Föhnfrisur lässt der ehemalige Rugbyspieler Spannkraft vermissen, als er für „Du gehörst zu mir“ im Olymp schweift. Mancher nicht freiwillig anwesende Mann denkt angesichts offerierter Trivialitäten wohl, was der Star beschwört: „Dann geh’ doch!“ Zum Weglaufen dürften für manchen die Interpretationen von „Love Me Tender“ und „Suspicious Minds“ seines Idols Elvis Presley sein.

Von den Sitzen reißen lässt sich das Publikum erst, als das zehnköpfige Team mit „Nachts, wenn alles schläft“ die Reihe der Klassiker eröffnet. Verbinden die Damen mit „Ti amo“, „Deine Spuren im Sand“, „Hello Again“, „Wie frei willst du sein?“, „Da nahm er seine Gitarre“ oder „Samstag Nacht“ doch ein Stück Lebensgeschichte. Obwohl „Ob-La-Di Ob-La-Da“ von den Beatles gewöhnungsbedürftig arrangiert ist. Anschluss an die Gegenwart sucht Carpendale mit „Ruf mich an“. Und beim unvermeidlichen „Tür an Tür mit Alice“ singt der Saal Worte, die nicht von Howie stammen: „Who The Fuck Is Alice?“

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