Das hr-Sinfonieorchester in der Alten Oper

Bonjour Tristesse

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Frankfurt - Da ist schon ein wenig November-Tristesse im Spiel. Von Klaus Ackermann

Selbst wenn Paul Dukas seinen „Zauberlehrling“ ein Scherzo nennt und Hector Berlioz in seinen Orchesterliedern „Sommernächte“ im Sinn hat, zentrales Werk des Konzertabends mit dem hr-Sinfonieorchester war Peter Tschaikowskys 6. Sinfonie, die sogenannte Pathétique. Deren existenzielles Grauen konterte Gastdirigent Lionel Bringuier auch mit berückendem Klang. Ebenfalls aus Frankreich stammt Sopranistin Véronique Gens, die ein erfolgreiches Debüt in der Alten Oper gab.

„Walle, walle manche Strecke, dass zum Zwecke Wasser fließe“… Wer kennt sie nicht, Goethes Ballade um den faulen Zauberlehrling, der seine magischen Kräfte zum Hausputz nutzt und dabei die Geister, die er rief, nicht mehr loswird. Der Pariser Paul Dukas (1865-1935) hat sie in einen spannenden Klangfilm überführt, mit instrumentalen Pointen wie hüpfenden Holzbläsern und beschwörendem Blech. Das wirkt klanglich so prächtig wie einprägsam und spart auch nicht an giftigen Streicherschlieren - bis zum katastrophalen Kesselpauken-harten Crash, den der mit Bedacht dirigierende Franzose zwingend anstrebt.

Für die zwischen Frühlingserwachen und Friedhof von Liebe und Verlust kündenden Orchesterlieder des französischen Romantikers Berlioz scheint der dunkel timbrierte Sopran von Véronique Gens prädestiniert, den lyrischen Wellengang auch dramatisch verdichtend. Deutlich wird dies im sinnlichen „Le Spectre de la Rose“ mit seinen harmonisch reizvoll unterlegten, geheimnisvollen Kantilenen, die langen Atem erfordern. Tragisch noch tiefer gründet „Sur les lagunes“, einziges Moll-Lied im wiegenden Dreier-Takt und enervierende Klage über den Verlust der Liebsten. Hoffnungsfroher, wenn auch ohne Happyend: „L‘ile inconnue“, die unbekannte Insel, wo man ewig liebt. Eine Kopfreise, die Gens wohltönender Sopran angemessen auf ironische Distanz bringt.

Eine permanent düster-tragische Stimmung beherrscht dagegen Tschaikowsky letzte Sinfonie, deren Leidenschaftlichkeit der junge Dirigent, designierter Chef des Tonhalle-Orchesters Zürich, eher verhalten ausspielen lässt. Ein Tschaikowsky ohne falschen Gefühls-Schwall, bei klarer Disposition im Instrumentalen, sei es nun das Fagott, dunkel aufs sinfonische Generalthema einstimmend, oder empfindsamer Klarinettengesang. Bringuier forciert dagegen die heftigen dynamischen Kontraste zwischen sehnsüchtigem Balltraum, russischem Geschwindmarsch und den dramatischen Gipfelgängen der angeschärften Blechbläser.

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