Hüter der historischen Klang-Lehre

Er gilt als Verfechter der reinen Lehre, die er eigens erfunden hat: Sir John Eliot Gardiner besitzt die Autorität, selbst als Gastdirigent seine Erkenntnisse der historischen Klangforschung durchzusetzen.

Mit dem perfekt eingestimmten London Symphony Orchestra genügte ein Komponist wie Ludwig van Beethoven, um abendfüllend zu fesseln. Dessen vierte Sinfonie besaß bei Gardiner viel Durchzug, während Maria Joao Pires die Mozart-Nähe des Klavierkonzerts Nr. 3 mit filigraner Anschlagskunst und großem Herzen erkundete.

Gardiners Entdeckerlust hat eine Rarität aus dem Archivschlaf geweckt, die Ouvertüre zu Beethovens Schauspielmusik „König Stephan“. Vom agilen britischen Vielzweck-Orchester nach geheimnisvoller Intro, deren hohle Quinten im Zwischenspiel wieder auftauchen, festlich, aber auch tänzerisch leicht gestaltet, kommt Pathos gar nicht auf.

Die zierliche portugiesische Pianistin führt Beethovens Klavierkonzert nach sinfonisch anmutender Orchester-Einleitung in klassischem Ebenmaß vor. Klare Diktion und eine dynamische Disposition, die das polternde Forte weitgehend meidet, aber für feine Dialoge mit den Holzbläsern sorgt und in den Kadenzen die lyrischen Themen verinnerlicht, kennzeichnen das Spiel. Maria Joao Pires strahlt die Gelassenheit einer gestandenen Virtuosin ab, die vordergründigen Effekten entsagt. Und das noch in der mit Behagen nachgesandten Chopin-Mazurka.

Die Kontrabässe mittig hinter den Blechbläsern: Das hat auch außerhalb der historischen Klang-Lehre Methode. Bei den gewohnt hellwachen Londonern sind zudem die Celli neben den ersten Geigen platziert, gegenüber die zweiten und daneben die Bratschen. Gardiner erreicht so eine ideale Durchmischung des Klangs der die Vorbilder Haydn und Mozart nicht verleugnenden Sinfonie Nr. 4 B-Dur. Dazu setzt er auf schroffe dynamische Kontraste, bewusst das cholerische Temperament Beethovens in Person des Kesselpaukers beschwörend. Denn in der geheimnisvollen sinfonischen Genesis pocht das Schicksal eher gedämpft.

Gefühlvoll die Klarinetten-Kantilene im Adagio zu der hartnäckig wiederkehrenden Streicherfigur, während im quicklebendigen Scherzo und dem virtuos dargebotenen finalen Allegro Gardiner straffe Tempi vorgibt. Der hat’s noch eiliger als weiland Herbert von Karajan. Und versagt auch die Zugabe trotz Beifall-Orkans. KLAUS ACKERMANN

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