„Dr. House“ in der Jahrhunderthalle

Blues-Sprechstunde

+
Hugh Laurie

Frankfurt - Hugh Laurie beginnt das Konzert in der Frankfurter Jahrhunderthalle mit einer ausladenden Geste, als würde er den Außenborder eines Motorboots durch kraftvolles Nach-hinten-Reißen mit dem Arm in Betrieb setzen. Von Anke Steinfadt

Er beendet es mit einem ekstatischen Klavierspiel im Stehen und theatralischem Rückwärtsfall zu Boden. Dazwischen liegen zwei Stunden voller Rhythmus und Emotion, innerhalb derer sogar diejenigen im Publikum mit dem Blues infiziert werden, die womöglich nur gekommen sind, um „Dr. House“ singen zu sehen.

Die Aura des Fernseharztes löst sich schneller in Luft auf als erwartet. Acht Jahre lang hat der 53-Jährige den tablettensüchtigen, hinkenden Ausnahme-Mediziner mit den schlechten Umgangsformen gespielt. Nun steht er auf der Bühne als veritabler Pianist und Sänger, der Wert darauf legt, zu betonen, seine Anwesenheit nicht zu wichtig zu nehmen. Als weißer Mittelstands-Engländer sei er für dieses Kapitel schwarz-amerikanischer Musikgeschichte im Grunde eine Fehlbesetzung. Und überhaupt: „Die Band ist der Rolls Royce. Ich bin nur die Kühlerfigur“, stellt er sein Licht charmant unter den Scheffel.

Persönliche Auswahl aus Standarts und Klassikern

In einer Kulisse aus Stehlampen, Teppichen und einem dicken Vorhang im Hintergrund packen Hugh Laurie und die Copper Bottom Band den New Orleans Blues an seinen geschichtlichen Wurzeln. Es ist eine sehr persönliche Auswahl aus Standards und in Vergessenheit geratenen Klassikern. Laurie plaudert über Louis Armstrong und Dr. John, erzählt von Leadbelly und Jelly Roll Morton, deren Stücke er spielt.

Die Leidenschaft zum Blues habe er bereits als Kind entdeckt, erzählt er, obwohl seine strenge Klavierlehrerin in Oxford, alles getan habe, ihn davon abzubringen. Nicht einmal „Swanee River“ habe er spielen dürfen. Natürlich ist das Stück heute im Programm.

Auf Theatralik mag der 2007 von der englischen Königin geehrte Schauspieler und Komödiant, der studierter Anthropologe ist, nicht ganz verzichten. Sein Jackett wirbelt er nach Stripclub-Manier durch die Luft. Er kredenzt der Band Whisky, scheitert beim Versuch, dem Kontrabassisten David Piltch einen Hut auf den Kopf zu werfen, tanzt einmal wie Rumpelstilzchen und feuert imaginäre Schüsse in den Raum ab. Kurze Einlagen sind das, die anschließend umso ernsthafter zurück zur Musik führen. Gitarrist Kevin Breit hat einen ganzen Schrank voller Instrumente neben sich. Keyboarder Patrick Warran bedient wechselweise Orgel und Akkordeon, Vincent Henry Saxophon und Klarinette. Komplettiert wird die Band durch den großartigen Schlagzeuger Jay Bellerose und die Chorsängerin Sister Jean McClain, die mit „John Henry“ sogar einen Soloauftritt hat.

„Steh zu Deiner Passion“

Man soll sich zu seiner Passion bekennen, egal, was andere Leute sagen, erklärt Laurie die Botschaft von „Let Them Talk“, titelgebendes Stück seines inzwischen weltweit 500.000-mal verkauften Debütalbums. Er trägt es am Klavier mit geschlossenen Augen vor. Ein besonderer Moment. Ebenso fesselnd wie etwa das bei dramatischem Rotlicht dargebotene „Battle Of Jericho“. Andere Countrysongs wie „Waiting For The Train“ und „Tipitina“ gehen direkt in die Beine.

Es ist ein bunt gemischtes Publikum, der Saal ist bestuhlt. Nur wenige Plätze sind noch frei. Hugh Laurie ist von der Begeisterung, die ihm entgegengebracht wird, sichtlich berührt. Er bedankt sich mehrfach für den Applaus. Bei den Zugaben strömen die Besucher aus den hinteren Reihen vor die Bühne. Der Auftritt hat alle angesteckt. Ein Virus, das keine Heilung erfordert.

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare