Immer noch a Flascherl

Die Ähnlichkeit der Domäne Rauenthal mit einem Wiener Kaffeehaus hält sich in Grenzen. Parallelen zu einer Heurigenwirtschaft waren an zwei Abenden des Rheingau Musik Festivals indes nicht von der Hand zu weisen. Allerdings bezweifelte Sprecher Wolf Euba, dass dort die Stimmung so gut sei wie im Weinberg bei Eltville. Von Markus Terharn

Hessisch waren die edlen Tropfen, vorwiegend österreichisch die amüsanten Texte, international die sehr fidelen Töne. „Von Kaffee- und anderen Freudenhäusern“ lautete – durchaus irreführend – das Motto: Ins Bordell geleitete nur Astor Piazzollas gleichnamiger Tango. Sonst war die Toilette, die Friedrich Torberg als „Stoffwechselstube“ verulkte, das einzige Séparée.

Unwiderruflich vorbei sind die Zeiten, da Weltliteratur im Café entstand. Geblieben sind etliche geistvolle Feuilletons, von Peter Altenberg bis zu Alfred Polgar, die sich ihre hohe Pointentreffsicherheit bis heute bewahrt haben. Euba, als in München lebender Franke kein Muttersprachler, brachte Charme und Schmäh mit authentischem Zungenschlag und viel Witz rüber. Wiewohl vom Blatt gelesen, wirkte das so frisch, als hätte er es just entdeckt.

Kellerprüfung und Gastarbeiter aus dem Osten

Zum humoristischen Höhepunkt geriet die von mehreren Verfassern gemeinschaftlich ausgeheckte „Kellnerprüfung“. In seinen Vortrag mit verteilten Rollen bezog Euba die musizierenden Kollegen mit ein: Heinrich Klug als stark sächselnden „Gastarbeiter aus dem Osten“ und Maria Reiter als schlagfertiges junges Fräulein.

Bei beiden war im übrigen der Klang in besten Händen. Reiters Akkordeon und Klugs Violoncello, zu melodischer Sanglichkeit ebenso fähig wie zu rhythmischem Schwung, zauberten nicht nur Walzerseligkeit in den überdachten Hof. Das Repertoire reichte von Bach bis Bartók, schloss 20er-Jahre-Schlager ein und überraschte mit einem tanzbaren Schostakowitsch. Temperament und Spielfreude des Duos steckten an. Und was dem droht, der die fröhlichen Zechlieder wörtlich nimmt, immer noch a Flascherl trinkt und dann nicht zahlen kann, das lernte das Publikum von Polgar: Rauswurf!

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