„Die Zeit war reif für ein Festival“

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Seit 25 Jahren mit Herzblut dabei: Michael Herrmann.

Offenbach - Vor 25 Jahren rief der gebürtige Wiesbadener Michael Herrmann, Markenzeichen rotes Einstecktuch, das Rheingau Musik Festival ins Leben, das unter seiner Intendanz zu einem der größten Musikfeste in Deutschland avancierte. Von Carsten Müller

Der Ursprung seines Traums liegt aber noch viel weiter zurück: der Besuch des Casals-Festival in Südfrankreich vor fast fünf Jahrzehnten war der Buchhändler-Lehrling fasziniert vom Zusammenklang von Wein. Landschaft und Musik. Herrmann ging jedoch zunächst nach Gran Canaria, baute und verwaltete Ferienhäuser und lernte darüber Musiker wie Justus Frantz, Christoph Eschenbach oder Leonard Bernstein kennen.

In den 80er Jahren stieg er ins Musikmanagement ein und gründete schließlich sein Festival, bei dem er anfangs Mädchen für alles war: Chauffeur, Logistiker, Quartiermacher. Mittlerweile ist Herrmann Geschäftsführer einer GmbH mit zwölf Angestellten, hunderten Helfern und einem Umsatz von etwa sieben Millionen Euro im Jahr. 157 Konzerte stehen vom 23. Juni bis 1. September auf dem Programm des Jubiläums-Musiksommers in Kirchen, Schlössern und Weingütern der Region.

Welche Eigenschaften muss ein Festival-Intendant haben?

Michael Herrmann: „Einen guten Charakter und unerschütterlichen Optimismus. Vor allen Dingen ist die Liebe zur Musik wichtig. Der Erfolg des Festivals hängt von vielen Faktoren ab, aber Hauptargument ist das Programm. Hinzu kommen wunderschöne Orte wie Kloster Eberbach, Schloss Johannisberg, Schloss Vollrads, das Kurhaus Wiesbaden und natürlich die Jahreszeit. Aus dieser einzigartigen Symbiose speist sich das Erfolgsrezept des Rheingau Musik Festivals. Natürlich spielt auch eine Rolle, dass wir wirtschaftlich unabhängig sind und Kürzungen der öffentlichen Hand nicht fürchten müssen. Insofern hängt der Erfolg des Festivals auch davon ab, dass man ein gutes Verhältnis zu seinen Sponsoren hat und diese immer fair behandelt.“

Sind Sie ein unerschütterlicher Optimist?

„Eigentlich schon. Es gab auch Zeiten, wo es schwieriger wurde. Anfang der Neunziger Jahre beispielsweise gab es eine kleine Delle im Sponsoring. Die Nachfrage nach Karten war hingegen konstant. Dass viele Konzerte ausverkauft sind, ist ein bisschen unser Leidwesen, weil die Leute dann glauben, alle anderen Konzerte seien auch ausverkauft, was nicht der Fall ist. Vor diesem Bayreuth-Effekt muss man auf der Hut sein. Die schwierigen Zeiten haben wir ganz gut überstanden, weil unsere Sponsoren Freude am Festival gefunden haben und zu uns stehen.“

Ist das Rheingau Musik Festival konjunkturabhängig?

„Ein wirtschaftlicher Rückgang wie Anfang der neunziger Jahre macht sich auch bei uns bemerkbar, weil Firmen, die ihre Mitarbeiter entlassen müssen, natürlich ein Problem mit dem Sponsoring bekommen. Obwohl es ja Werbung ist und jeder weiß, dass ohne Werbung kein Geschäft zu machen ist. Aber psychologisch ist es schwer zu vermitteln, einerseits das Rheingau Musik Festival zu unterstützen, Leute dorthin einzuladen und gleichzeitig Kündigungen aussprechen zu müssen. Bei einigen großen Banken war das damals der Fall, und diese haben sich ein wenig zurückgezogen.“

Ist die Ansprache der Sponsoren heute einfacher geworden?

„Ich muss das Festival nicht mehr vorstellen, wenn ich irgendwohin gehe. Man weiß, dass unser Modell funktioniert. Und wenn ich komme, wissen die Leute genau, was ich will, nämlich Geld. Man muss dem Gegenüber sympathisch sein, dafür muss man die richtigen Leute finden. Die Sponsoring-Abteilung und ich sind ja ab September dauernd unterwegs, um 180 bis 200 potenzielle Sponsoren anzusprechen. In der Sache sind die Leute ziemlich schnell überzeugt. Dafür haben wir in den vergangenen Jahren ein gewisses Renommee aufgebaut, Zumal wir mit dem Ministerpräsidenten Volker Bouffier, dem Unternehmer Claus Wisser sowie im Kuratorium bekannte und seriöse Leute hinter uns haben.“

Würden Sie heute noch einmal ein Festival gründen?

„Ich glaube schon, wobei Situation schwieriger ist. Im Laufe der Jahre sind ja so viele kleine Kulturinitiativen wie Pilze aus dem Boden geschossen, die uns teilweise Konkurrenz machen, weil sie auch Sponsoren ansprechen. Vor 25 Jahren war das anders, es gab im Rheingau nichts. Es gab die Frankfurt Feste, die Maifestspiele, in der Region aber war eigentlich nichts los. Die Zeit war reif dafür.“

Bereitet Ihnen die wachsende Konkurrenz Sorgen?

„Das Problem ist, dass viele glauben, dass man mit Musik oder mit Veranstaltungen viel Geld verdienen kann. Aber das ist nicht so. Viele Veranstalter gehen wieder pleite. Und wenn man sich das Netrebko-Konzert vor dem Wiesbadener Kurhaus anschaut, ist das natürlich eine Riesen-Pleite gewesen. Die haben mit 12 000 verkauften Karten gerechnet und vielleicht 5 000 Tickets verkauft.“

Wie kam es zur Gründung Ihrer Konzertagentur?

„Ich hatte früher Gesangsunterricht und wollte eigentlich Sänger werden, ein großer Sänger. Irgendwann habe ich gemerkt, dass meine Stimme dafür nicht reicht, allenfalls für den Opernchor. Das war aber nicht mein Ziel. Ich wollte aber in die Musikbranche. Das war für mich der Ausgangspunkt ins Musikmanagement zu gehen.“

Haben Sie damals nur klassische Musik betreut?

„Ausschließlich. Kammermusik aus der ehemaligen DDR war meine Domäne. In den achtziger Jahren arbeitete ich sehr eng mit dem innerdeutschen Ministerium zusammen und habe Künstler wie Ludwig Güttler, Peter Schreyer, die Dresdner Barocksolisten und andere Kammermusikensembles in den Westen geholt. Das erste Rheingau Musik Festival war auch sehr stark geprägt von Künstlern aus der DDR.“

Waren die Anfänge des Rheingau-Festivals schwierig?

„In meiner Heimatstadt Wiesbaden war ich ein Unbekannter und wurde skeptisch betrachtet. Ich bin zuerst zum Staat gegangen. Dort hieß es: ,Die Idee ist toll, aber wir haben kein Geld.’ Man gab mir den Tipp, das Festival an der Zonengrenze auszurichten und Förderung zu beantragen. Ich wollte aber im Rhein-Main-Gebiet etwas machen und nicht die Leute mit Bussen gen Osten bringen. Und das ist ohne staatliche Unterstützung gelungen.“

Sie haben sich mit der Leitung der Konzertagentur Pro Arte neue Arbeit ins Haus geholt. Denkt man mit 68 nicht allmählich an den Ruhestand?

„Solange ich das gesundheitlich und geistig kann, werde ich weitermachen. Ich kann mir eigentlich gar nicht vorstellen zu Hause zu sitzen oder Golf zu spielen. Also habe ich das Wagnis noch einmal unternommen, zumal Erwin Russ aus Stuttgart und Cornelia Schmid aus Hannover als Gesellschafter miteingestiegen sind. Die Arbeit macht viel Spaß, aber das Geschäft ist schwierig in Frankfurt. Die Abonnentenzahlen gehen zurück. Wir müssen einen großen Teil unserer Einnahmen über den Einzelkartenverkauf erlösen. Die Leute wollen sich nicht mehr für acht oder zehn Konzerte binden. Wenn sie einige Termine nicht wahrnehmen können, dann ist der Vorteil des Abonnements dahin. Man muss heute sehr scharf und sehr genau kalkulieren. Das war früher anders. Denken Sie an die Museumsgesellschaft, deren Abos weitervererbt wurden. Dann ist die Alte Oper ein großer Konkurrent im Sponsoring. Was ich nicht witzig finde, denn öffentliche Gelder zu kriegen und private Mittel anzuzapfen ist aus meiner Sicht problematisch.“

Und wenn Sie doch mal entspannen wollen?

„Dann gehe ich ins Konzert. Am liebsten in eines, das ich nicht organisiert habe. Ich lese sehr viel, gehe gern spazieren und habe seit über 30 Jahren ein Domizil in der Schweiz. Wir machen dort jedes Jahr eine Klausurtagung mit unseren Mitarbeitern. In der Schweiz fühle ich mich wohl und kann vollständig abschalten.“

Sie haben als Schulabbrecher Karriere gemacht. War das damals ein Makel?

„Wenn ich in der Nachbarschaft mein Auto falsch geparkt hatte, fiel schon mal eine Bemerkung in der Richtung, dass es in der Schule ja auch nicht so geklappt hätte. Heute beneiden mich alle. Und die Lehrer die damals gesagt haben: ,Michael, geh uff de Bau’ wollten später Festival-Karten haben. Wenn ich eine normale Schulkarriere mit Studium absolviert hätte, wäre ich mit Sicherheit nicht Leiter eines florierenden Festivals geworden. Ich musste mir alles selbst erarbeiten. Durch die Position als Festivalleiter hat man ganz andere Beziehungen. Man ist mit dem Ministerpräsidenten per Du. Die Einladungen muss ich mittlerweile wirklich sortieren.“

Eine politische Karriere stand nicht zur Debatte?

„Dass ich als Ehrenmitglied der SPD-Fraktion an der Bundesversammlung zur Wahl von Johannes Rau teilnehmen durfte, war eine tolle Sache, auf die ich stolz bin. Politiker sein ist ein wenig dankbarer Job. Und wer will sich schon auf nächtelangen Sitzungen langweilen. Der Aufsichtsrat der Rheingau-Taunus Kultur und Tourismus GmbH, dem ich angehöre, hatte sechs Sitzungen im Jahr bei einem Umsatz von 250.000 Euro. Die haben wir dann auf mein Betreiben auf zwei reduziert.“

Dem gescheiterten Projekt einer Konzerthalle in Eberbach trauern Sie also nicht nach?

„Wir wollten den Ministerpräsidenten bei der Vermarktung des Staatsweingutes unterstützen. Natürlich wäre das eine tolle Sache gewesen, aber was wir eigentlich brauchen, ist eine 1800-Personen-Halle, die in Eltville zu planen wäre. Das Kurhaus Wiesbaden ist für einige Veranstaltungen zu klein, die Alte Oper wiederum zu groß.“

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