Intime Lyrik und schockierende Sinfonik

Jubilar Gustav Mahler, vor 150 Jahren geboren, kommt leicht zu kurz gegenüber Robert Schumann und Frédéric Chopin, vor 200 Jahren geboren – nicht beim Rheingau Musik Festival. Für einen Höhepunkt sorgte Christoph Eschenbach mit dem Schleswig-Holstein Festival Orchester und Bariton Thomas Hampson. Von Eva Schumann

Im Kurhaus Wiesbaden verbanden sie das sinfonische Debüt des 28-Jährigen mit den abgeklärten „Rückert-Liedern“ von 1901 bis 1904 – eine spannende Gegenüberstellung, ein Genuss!
Sänger, Dirigent und Ensemble trafen den intimen Charakter der Lyrik. Der US-Bariton, den Text präzise interpretierend, balancierte Wort und Ton sicher aus. Er sang differenziert, ob schlicht, ob zart getupft, ob wunderbare Bögen gestaltend, unaufdringlich die Klangfarbe wechselnd.

Das begann mit dem heiteren „Blicke mir nicht in die Lieder“. Ruhe und Sinnlichkeit verströmte „Ich atmet’ einen linden Duft“. Leidenschaft steigerte sich zu Opulenz im Lied für Gattin Alma „Liebst du um Schönheit“. Fahles Timbre und verzweifelte Crescendi lieh der Bariton dem trostlosen „Um Mitternacht“, mit mächtigen Steigerungen, expressiv von den Bläsern begleitet. Die Stimme wurde dank subtiler Begleitung nie zugedeckt. „Ich bin der Welt abhanden gekommen“ geriet zum nachdenklichen Schluss. Anrührend Hampsons Piano im hohen Register und das zarte Nachspiel. Beifallsstürme erzwangen eine Zugabe.

Von nobler Sanglichkeit bis zu aggressiven Ausbrüchen

Stürmisch ging es auch zu in der 1. Sinfonie, „Der Titan“. Die Komposition, die „aus mir wie aus einem Bergstrom hinausfuhr“, so Mahler, hat damalige Hörer schockiert und kann heute noch verunsichern. Mit jungen Stipendiaten aus 29 Nationen musizierte Eschenbach die Sinfonie als Sturm-und-Drang-Werk eines jugendlichen Brausekopfs, Überschwang und Originalität mit differenzierter Ausarbeitung und hingebungsvoller Gestaltung paarend. Seinem exakten Dirigat folgte das Orchester präzise.

Die Streicher beeindruckten mit großer Intensität. Schön und sicher die Bläsersoli. Eschenbach scheute nicht schärfste Kontraste, von nobler Sanglichkeit bis zu aggressiven Ausbrüchen, vom Anmutigen zum Schrillen, vom genüsslichen Walzer zur grimmigen Parodie. Spannung und Stringenz schufen Überleitungen, Steigerungen und Rückblenden. Selbst im zweiten Satz mit dem Jahrmarkts-Durcheinander hatte der Dirigent die Zügel fest in der Hand, blieb das Gefüge durchsichtig. Nach dem überwältigenden Finale wurden Dirigent und Orchester frenetisch gefeiert.

Rubriklistenbild: © Pixelio / Segovax

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