Jäger des verlorenen Schatzes

Ralph Philipp Ziegler von der Neuen Philharmonie (links) hat Rolf Rudins Werk nach Offenbach geholt. Foto: Georg

Er ist waschechter Frankfurter und wohnt in Erlensee.

Doch insgeheim ist Irland die zweite Heimat des Komponisten Rolf Rudin. So lieferten Mythen der Grünen Insel den fantasievollen Überbau zu seinem Konzert für Euphonium und Sinfonieorchester. Es steht am kommenden Sonntag um 17 Uhr im Mittelpunkt der Capitol Classic Lounge, bei der sich ein Star-Solist auf dem raren, warm und dunkel tönenden Blasinstrument erstmals in Offenbach vorstellt: Der Brite Steven Mead hat das Rudin-Konzert 1907 mit den Stuttgarter Philharmonikern uraufgeführt.

Begleitet wird er vom Hausorchester, der Neuen Philharmonie Frankfurt. Dirigent der Lounge „British Sphinx“ mit Felix Mendelssohn Bartholdys Hebriden-Ouvertüre und Edward Elgars Enigma-Variationen ist der Wahl-Offenbacher Roland Böer, Ex-Kapellmeister der Oper Frankfurt und demnächst an der Mailänder Scala debütierend.

„Die irischen Sagen mit ihrer dunklen Symbolik sind eine ständige Inspirationsquelle“, sagt Rudin im lichtdurchfluteten Turmzimmer des Bernardbaus, Büro des Offenbacher Kulturchefs und künstlerischen Leiters der Neuen Philharmonie Ralph Philipp Ziegler, der das Euphonium-Konzert ins Capitol geholt hat. So gründen die „Hallows“ (Heiligtümer) betitelten Sätze auf der altirischen Mythologie. Der „Stein des Schicksals“ sei ein Ort der Königskrönung, erläutert der Komponist. Und dieser Fels hat es in sich: Ist ein würdiger König gewählt, fängt der Stein zu schreien an.

„Der Speer des Kampfes und das Schwert des Lichts“ seien Waffen, die irische Krieger nahezu unbesiegbar machten. „Kessel des Heils“ ist der Finalsatz überschrieben, der einen heiligen Brei kocht. Er spendet Leben und weckt sogar tote Krieger auf, so die Überlieferung. Die Bezüge zum Mythos um den heiligen Gral und die christliche Auferstehung seien unübersehbar, meint der Komponist. „Hallows“ geht beim schreienden Stein an die Grenzen der Tonalität, hat einen virtuosen Mittelsatz und einen klanglich geheimnisvollen Finalteil, dessen Feinstimmigkeit an die Nachtstücke des Impressionisten Maurice Ravel erinnert.

Mit dem Franzosen hätte Rudin gern mal einen Kaffee getrunken – ein Tonsetzer, der sich nicht im Elfenbeinturm verschanzt wie so mancher atonale Zeitgenosse. Der 48-Jährige will verstanden werden, will eine Reaktion der Zuhörer. „Wir sind umgeben von Katastrophen“, findet der Komponist. Umso mehr bedürfe es einer starken visionären Kraft, wie sie die Musik in sich trage.

Mit 15 war ihm klar, dass er Komponist und Dirigent werden wollte. Als 20-Jähriger gewann er einen ersten Preis für Gitarre solo im Bundeswettbewerb „Jugend musiziert“, studierte Schulmusik in Frankfurt und Komposition in Würzburg bei Bertold Hummel. „Schreib’ doch mal was für Blasmusik“, hatte der 2002 verstorbene Komponist und Hochschulpräsident ihn ermuntert – Anstoß für eine große Leidenschaft.

Fortan bemüht sich Rudin, zwischen der so genannten Dicke-Backen- und der sportiven Brass- eine gehaltvolle sinfonische Blasmusik zu etablieren. Und da gibt es weltweit Bedarf. Rudins Werke werden von hochwertigen Blasorchestern uraufgeführt, in der Alten wie in der Neuen Welt gespielt. Daneben komponiert er Vokal-, Kammer- und sinfonische Musik, wurde mit zahlreichen Preisen international ausgezeichnet, gibt Meisterkurse, schreibt Schulmusik.

All das gemäß seiner Maxime, ein guter Tonsetzer sollte für ein großes Sinfonieorchester ebenso hochwertig komponieren wie für einen zweistimmigen Kinderchor. „Wie Bach neben seinen Passionen auch Inventionen und das berühmte Orgelbüchlein geschrieben hat“, sinniert Rudin, der ganz konventionell mit Bleistift seine Noten auf Papier setzt. „Am liebsten nachts“ oder im Gartenhäuschen in Erlensee, wo er mit Ehefrau Brigitte, die an der Offenbacher Marienschule unterrichtet, und den Sieben-, Zwölf- und 14-jährigen Söhnen lebt. Sie allein haben die Lizenz, ihn von der Musik abzulenken, um den Akku wieder aufzuladen.

Mittlerweile ist der Komponist, der seine Werke überwiegend im Eigenverlag herausbringt, bei Opus 78 angelangt. Auch über eine Oper hat Rolf Rudin nachgedacht. Das könnte vielleicht ein altirischer Sommernachtstraum sein. Dafür sollten sich Auftragsgeber finden lassen... KLAUS ACKERMANN

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